Geschlechterrollen in der Kommunikation – Herz & Zunge Folge #015

von | Mai 8, 2023 | Herz & Zunge, Respektvolle Gespräche | 0 Kommentare

Dieser Artikel ist an die 15. Folge des Herz und Zunge Podcasts angelehnt, den ich gemeinsam mit Lena Bodenstedt hoste.

Sprechen Frauen mehr über Gefühle? Können Männer besser verhandeln? Solche Zuschreibungen gibt es viele. Manchmal sieht es sogar so aus, als ob die Realität sie bestätigen würde. Aber was ist da wirklich dran, und vor allem: Was machen wir damit? Darum geht es in diesem Artikel – und in der 15. Herz & Zunge Podcastfolge.

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HuZ #15 Geschlechterrollen und Kommunikation

Was ist „typisch männliche“ oder „typisch weibliche“ Kommunikation?

Als Einstieg in die Folge hat Lena ein Zitat mitgebracht. Es stammt von einem Lifestyle-und Gesundheitsblog, der ihr bei Google auf der ersten Seite angezeigt wurde:

„Die Sprache der Frauen ist eine Bindungs- und Intimsprache, die der Männer eine Berichtssprache. Frauen interessieren sich für die Gefühle des anderen. Sie wollen jedes Detail wissen. Dabei zeigen sie immer ihre Anteilnahme und Bestätigung. Sie hören mehr zu und neigen dazu, bestimmte Entschuldigungs- und Bescheindenheitsfloskeln zu verwenden.

Für Männer ist Sprache ein Mittel des Informationsaustauschs und der Selbstdarstellung. Private Informationen verweigern sie häufig. Sie zeigen kaum Emotionen, allerdings reißen sie gerne das Gesprächssteuer an sich. Um gut dazustehen und sich den Respekt zu verdienen, scheuen sich Männer nicht, das Gespräch zu unterbrechen, zu sabotieren, Gesagtes in Frage zu stellen, Behauptungen aufzustellen, und das Thema zu wechseln.

Hinter diesem Text stehen stereotype Vorstellungen von Geschlecht. Es wird davon ausgegangen, dass es ausschließlich Männer und Frauen gibt, und dass diese beiden Geschlechter entgegengesetzte Eigenschaften haben. Sie wirken festgelegt und sehr verallgemeinert.

In der Realität gibt es eine größere Vielfalt – an Gendern, Kommunikationsstilen und Ausdrucksformen. Es gibt Männer, die über Gefühle sprechen und Frauen, die knallhart verhandeln können. Menschen, die beides drauf haben, je nachdem, was die Situation gerade erfordert. Und Menschen, die erfolgreich verhandeln können, ohne „knallhart“ zu sein 🙂 Du siehst: die Bandbreite umfasst viel mehr als nur männlich und weiblich.

Was machen wir mit stereotypen Unterschieden in der Kommunikation?

Aber was machen wir mit den Zuschreibungen aus dem Text? Sie kommen uns trotz allem bekannt vor – wir kennen ja das Rollenbild, das da dahintersteckt. Es prägt uns weiterhin, weil es unsere Gesellschaft prägt. Auch wenn wir selber nicht damit übereinstimmen.

Einige der Merkmale, die im Text genannt werden, findet man sogar in der Fachliteratur wieder. Sie wurden durch Studien überprüft und bestätigt:

  • Männer sprechen häufig langsam, in einer tieferen Stimmlage und mit wenig Melodie, was als sachlich und distanziert wahrgenommen wird. Bei Frauen ist es genau umgekehrt.
  • Frauen verwenden mehr Weichzeichner – damit sind Ausdrücke wie „vielleicht“, „ich weiß nicht“, „wenn es Ihnen nichts ausmacht“ etc. gemeint, die das Gesagte abschwächen.
  • Männer unterbrechen mehr und lassen sich sich schwerer von anderen unterbrechen. Sie pflegen insgesamt einen eher konkurrenzorientierten Stil.
  • Frauen hören mehr zu und greifen eher auf, was andere gesagt haben. Sie achten darauf, dass alle zu Wort kommen und verhalten sich eher kooperativ.

Wichtig ist an dieser Stelle: solche Muster sind nicht naturgegeben. Sie entstehen, weil wir so aufwachsen, wie wir aufwachsen. In einer Gesellschaft, die uns auf zwei Geschlechter reduziert und Männern mehr Macht und Privilegien zugesteht.

Wer darf welche Gefühle zeigen?

In unserer 5. Folge ging es um Gefühle in der Kommunikation. Da haben wir schon darüber gesprochen, dass es Frauen oft nicht zugestanden wird, ihre Wut zu zeigen. Männern dagegen schon.

Bei meiner Recherche stieß ich dann auf den TED Talk von Paula Stone Williams, einer Trans Frau aus den USA. Vor ihrer Transition hat sie lange als Mann gelebt und war Chef einer Nonprofit-Organisation. Später arbeitete sie als Frau in derselben Position. Sie verhielt sich so, wie sie es aus ihrem bisherigen Berufleben gewohnt war, merkte aber, dass ihre Umgebung anders reagierte.

In einem Meeting zeigte sie zum Beispiel, dass sie verärgert war. Früher war das immer ok gewesen – es wurde ihr sogar als Zeichen von Führungsstärke angerechnet. Aber jetzt war sie eine Frau und zeigte ihren Ärger. Es wurde ganz still im Raum, ein betretenes Schweigen breitete sich aus. Dann nahm sie jemand beiseite und sagte ihr leise, sie sei gerade zu emotional.

Dieses Beispiel zeigt nochmal sehr deutlich, wie unterschiedlich Gefühle in der Kommunikation bewertet werden. Und es zeigt, welche große Rolle das Umfeld dabei spielt.

Wie Gruppen Stereotype verstärken können – oder abbauen

Dazu bringt Lena Beispiel aus ihrer eigenen Erfahrung: In einem Kommunikationsseminar gibt der Dozent seiner Gruppe eine Aufgabe. Die Teilnehmenden sollen gemeinsam ein Problem lösen. Es werden verschiedene Vorschläge gemacht – einer davon, der Vorschlag einer Frau, würde zur Lösung führen. Er wird aber nicht aufgegriffen, stattdessen setzen sich die Vorschläge der Männer durch, die lauter und mit großem Selbstbewusstsein vorgebracht werden. Erst ganz zum Schluss wird ihr Vorschlag noch einmal aufgegriffen – von einem Mann. Diesmal wird er sofort umgesetzt.

Hier überlagern sich mehrere Ebenen: Die Teilnehmerin war eine Frau, sie hat leise gesprochen und viele Weichzeichner benutzt. All das führt oft – ungerechterweise – dazu, dass Menschen weniger Kompetenz zugesprochen wird.

Entscheidend ist jedoch: Die Personen in der Gruppe haben sich entschieden, den Vorschlägen der Männer zu folgen. Klar, solche Entscheidungen trifft man spontan, intuitiv, unter Zeitdruck. Es war sehr wahrscheinlich keine bewusste Entscheidung, und vor allem keine bewusst ausgrenzende.

Trotzdem denken wir: wer die eigene Kommunikation bewusst reflektiert, hat in solchen Momenten die Chance, etwas zu verändern. Jemand in der Gruppe hätte zum Beispiel sagen können: „Moment, den Vorschlag von … fand ich gut. Lasst uns nochmal darauf zurückkommen.“

Impulse, um eure Kommunikation zu reflektieren

Deshalb wollen wir euch dazu einladen, euer Gesprächsverhalten in Gruppen einmal unter die Lupe zu nehmen. Diese Fragen helfen euch dabei:

  • Nutzt ihr Weichzeichner und Unsicherheitsfloskeln wie „glaube ich“, „eventuell“, „vielleicht“?
  • Nutzt ihr viele Konjunktive? Wenn ja, wann, ich welchen Situationen?
  • Wie sprecht ihr, wenn ihr euch in einer Gruppe zu Wort meldet?
  • Wie steht oder sitzt ihr? Wie viel Raum nehmt ihr euch?

Vielleicht bemerkt ihr dabei ein Potential, um euch mehr Gehör zu verschaffen. Und wenn euch diese Dinge schwerfallen: keine Sorge! Es ist ein Lernprozess, den ihr Schritt für Schritt gehen könnt. Ich kämpfe zum Beispiel immer wieder mit Konjunktiven und Weichzeichnern – auch beim Schreiben meiner Artikel.

Vielleicht merkt ihr aber auch, dass ihr euch schon sehr viel Raum nehmt. Dass es euch leicht fällt, Gehör zu finden. Dann stellt euch folgende Fragen:

  • Was kann ich dafür tun, dass auch andere Gehör finden?
  • Wie kann ich meinen Einfluss und meine Glaubwürdigkeit nutzen, um anderen Gehör zu verschaffen?

Diese Seite finde ich wirklich wichtig. Denn Frauen wird oft empfohlen, selbstbewusster aufzutreten und (beispielsweise) an ihren Verhandlungsskills zu arbeiten. Das finde ich grundsätzlich gut, weil es den eigenen Spielraum vergrößert. Es ist ein Weg, den eigenen Erfolg in die Hand zu nehmen. Aber: wir haben eine gesellschaftliche Schieflage zugunsten von Männern, und die zeigt sich auch in der Kommunikation. Es wäre falsch, wenn man die Verantwortung, das zu ändern, ausschließlich Frauen zuschiebt.

Und wenn ihr euch unsicher seid, ob ihr jemanden richtig einschätzt, dann stellt euch folgende Frage:

  • Hätte ich genauso reagiert, wenn das Geschlecht ein anderes gewesen wäre?

Begegnungen im öffentlichen Raum

In der Folge machen wir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs in die nonverbale Kommunikation. Das Thema Raum nehmen verstehen wir dabei ganz wörtlich: Wie verhalte ich mich (als Mann oder Frau) im öffentlichen Raum? Wie viel Raum beanspruche ich und wie viel Raum wird mir gewährt?

Bei meiner Recherche bin ich auf ein interessantes Beispiel gestoßen. Die Performancekünstlerin Diane Torr bietet Workshops an, bei denen die Teilnehmerinnen für ein bis zwei Tage ausprobieren, wie es ist, als Mann zu leben. Sie erschaffen sich einen männlichen Charakter, ein Kostüm, und sie üben, wie man geht, redet usw. Dabei arbeiten sie sehr stark mit stereotypen Vorstellungen von Geschlecht.

Teilnehmerinnen, die als Mann in der Öffentlichkeit unterwegs waren, berichten, dass sie leichter voran kommen, als gewohnt. Ihnen wurde mehr Raum gewährt. Frauen wichen ihnen auf der Straße aus, sie mussten sogar in Schlangen kürzer anstehen.

Spannend, oder? Lena und ich stellten dann fest, dass wir uns draußen beide über Männer ärgern, die von uns erwarten, dass wir ausweichen. Lena hat daraus für sich eine Regel abgeleitet: sie weicht Männern nicht mehr aus. Sie lässt es darauf ankommen und wird manchmal sogar angerempelt oder gerade-noch-so-gestreift.

Ich weiche oft unwillkürlich aus und ärgere mich dann im Nachhinein, dass ich in den Matsch am Wegesrand gesprungen bin, während mein Gegenüber den ganzen Weg für sich hatte. Diesem Muster entkomme ich nur, wenn ich ganz bewusst darauf achte. Dann nehme ich Blickkontakt auf und gehe geradewegs auf die andere Person zu. Im Letzten Moment nehme ich dann meine Schulter zur Seite, und – er meistens auch!

Diese Konfrontation fällt mir nicht immer leicht, aber sie bewirkt, dass ich gesehen und nicht umgerannt werde. Immerhin!

Aufforderungen aussprechen

Wie leicht fällt es dir, jemand anders zu etwas aufzufordern? Oder sogar eine Anweisung zu erteilen? Lena und mir fällt das eher schwer. Bei meinem ersten Job als Projektleiterin musste ich da richtig dran arbeiten. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben eine Assistentin (statt selbst die Assistentin zu sein). Ihr eine Aufgabe geben und sie darum bitten, sie zu erledigen? Puh! Da spürte ich einen großen Widerstand.

Lenas Kollege dagegen spricht immer sehr direkte und knappe Anweisungen aus: „Mach das und das.“ Er verwendet kein „bitte“ und keine Höflichkeitsfloskeln. Lena hat das anfangs irritiert – sie selbst würde nie im Leben auf die Idee kommen, jemanden so „anzuweisen“. Bei Aufgaben, die auch wirklich in ihre Zuständigkeit fallen, inzwischen kann sie inzwischen aber gut damit umgehen.

Trotzdem haben wir den Eindruck, dass wir hier noch von sehr alten, gesellschaftlichen Vorstellungen von Gehorsam und Bescheidenheit geprägt sind.

Siri und Alexa sind weiblich

Dazu passt, dass Computerstimmen wie Siri und Alexa oft weiblich sind. Sie nehmen unsere Befehle entgegen. Im weitesten Sinne umsorgen sie uns sogar. Warum können wir uns in dieser Rolle keine männliche Stimme vorstellen?

Bei einigen Anbietern kann man eine männliche Stimme auswählen, das scheinen aber nur wenige Menschen zu machen. Und nichtbinäre Menschen werden von diesen Stimmen überhaupt nicht repräsentiert. Deshalb haben Forscher*innen die geschlechtsneutrale Stimme „Q“ entwickelt. Sie hoffen, dass Hersteller*innen, sie in Zukunft als dritte Option in ihre Audio-Produkte integrieren.

Die Verhaltensforscherin Julie Carpenter sagt in einem Gespräch mit NPR:

„There is a history of research that shows often that people might prefer to hear a female-sounding voice in some situations, particularly when the tasks associated with that voice are assistive, they may prefer to hear a male voice … where the voice needs to come from an authority source. It really reinforces gender stereotypes.“

„Studien deuten immer wieder darauf hin, dass Menschen in bestimmten Situationen lieber eine weiblich klingende Stimme hören, besonders dann, wenn es um assistierende Aufgaben geht. Sie hören lieber eine männliche Stimme, wenn es darum geht, dass die Stimme Autorität ausdrücken soll. Das verstärkt wirklich die Gender-Stereotype.“

Abschluss

Das Thema Geschlechterrollen und Kommunikation ist so groß, dass wir es ein einer halbstündigen Podcastfolge (oder in einem Artikel wie diesem hier) nicht wirklich umfassend behandeln können. Wir hoffen aber, dass eines  klar geworden ist:

Das eigene Repertoire kommunikativer Verhaltensweisen zu erweitern, ist für uns alle spannend. Denn Gendernormen schränken uns alle ein, auch in der Kommunikation.

Wir müssen uns dem nicht komplett unterwefen. Wir können bewusst entscheiden:

  • Was passt zu mir?
  • Was macht mir Spaß?
  • Was will ich ausprobieren?

Natürlich ist es ok, dem stereotypen Bild von „männlicher“ und „weiblicher“ Kommunikation hier und da zu entsprechen, wenn man sich damit wohl fühlt.

Aber manchmal ist es eben auch praktisch, verschiedene Register zu beherrschen – oder verschiedene Lösungsansätze zu kennen. Denn weder die „männliche“ noch die „weibliche“ Kommunikation ist per se besser. In manchen Situationen wird dir die eine weiterhelfen, in anderen die andere. Und in manchen vielleicht ein Mix!

Wie ist das bei dir – hast du bei dir selbst stereotyp männliche oder weibliche Verhaltensweisen entdeckt? Und fühlst du dich mit ihnen wohl? Was würdest du gerne mal ausprobieren, was bisher nicht zu deinem Repertoire gehört?

Ich freue mich auf dein Feedback!

Alles Liebe
Paula

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