In meinen Sprechtrainings sage ich oft: „Hier dürft ihr jederzeit gähnen.“ Wir gähnen auch gemeinsam, denn: Gähnen tut der Stimme gut. Es sorgt für eine klangvolle, resonanzreiche Stimme und hat positive Auswirkungen auf Atem und Artikulation.
Bei der Recherche für diesen Artikel habe ich mich nochmal intensiver mit den Hintergründen beschäftigt: Warum gähnen wir eigentlich? Außerdem erfährst du, was beim Gähnen passiert und wieso das so gut für deine Stimme ist. Zum Schluss gebe ich dir noch Tipps, wie du ein Gähnen bewusst auslösen kannst.
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Was passiert beim Gähnen?
Wie Gähnen geht, weißt du vermutlich ganz intuitiv. Wie Lachen oder Weinen gehört es zu den emotionalen Grundmustern, die man bei Menschen überall auf der Welt finden kann. Sogar ungeborene Babys gähnen im Bauch und strecken sich dabei!
Das passiert ganz konkret beim Gähnen:
- Der Mund öffnet sich maximal.
- Oft wird der Kopf etwas in den Nacken gelegt, so hat der Unterkiefer mehr Raum, um sich zu öffnen.
- Die Augen schließen sich, manchmal tränen sie sogar.
- Du atmest lange und tief ein, und danach etwas kürzer aus.
- Beim Ausatmen entstehen vielleicht Töne, weil deine Stimme mitgeht.
- Oft streckt und räkelt sich der ganze Körper dabei.
Dieser Vorgang dauert so zwischen fünf und zehn Sekunden. Danach stellt sich ein befreites Gefühl ein: locker, präsent und wach.

Welche Wirkung hat Gähnen auf meine Stimme?
Gute Frage! Gähnen ist eine der ältesten Stimmübungen, mit vielen positiven Auswirkungen auf Körper, Atem, Stimme und Artikulation. Die wichtigsten habe ich hier für dich zusammengefasst:
- Dein Atem wird tiefer.
Beim Gähnen atmest du tief und kräftig ein. Das Zwerchfell wird aktiviert, es senkt sich kräftig nach unten. Der Brustkorb weitet sich, was durch Strecken und Räkeln noch unterstützt wird. Dadurch ist dein Atem auch nach dem Gähnen voller und tiefer. Er kann deine Stimme besser unterstützen und das Sprechen wird müheloser. - Du kannst deutlicher sprechen.
Die Muskulatur, von Lippen, Kiefer und Zunge wird beim Gähnen kräftig gedehnt. Hinterher ist sie locker und beweglich. Die perfekte Ausgangslage für eine klare und präzise Aussprache. - Die Stimme wird tragfähiger.
Beim Gähnen wird der Rachen ganz weit. Das Gaumensegel hebt sich und der Kehlkopf sinkt leicht nach unten. Dadurch vergrößert sich der Klangkörper deiner Stimme. Die Folge ist mehr Resonanz, also eine vollere und tragfähigere Stimme. - Es findet ein Spannungsausgleich statt.
Der Wechsel zwischen kraftvollem Strecken und weichem Loslassen löst Verspannungen im ganzen Körper. Zurück bleibt ein leichter Grundtonus, eine Wachheit im Körper, die dich beim Sprechen und kommunizieren unterstützt. - Es hält die Schleimhaut feucht.
Beim Gähnen wird der Speichelfluss angeregt. Dadurch werden die Schleimhäute in Mund und Rachen feucht gehalten und geschützt.
Außerdem können Gähnen, Räkeln und Strecken einfach genussvoll sein. Dieses subjektive Empfinden ist ebenso wichtig wie die körperlichen Vorgänge. Genuss hat nämlich eine sehr positive Wirkung auf die Stimme.

Warum gähnen wir?
Eigentlich sind das ja schon genug Gründe, wieso es sich lohnt, zu gähnen. Die Forschung ist sich trotzdem noch nicht einig, wodurch Gähnen ausgelöst wird und welchen Zweck es verfolgt. Die verschiedenen Hypothesen finde ich richtig spannend:
1. Versorgt Gähnen das Gehirn mit Sauerstoff?
Früher dachte man, Gähnen würde immer dann ausgelöst, wenn man zu wenig Sauerstoff, bzw. zu viel CO2 im Blut hat. Diese Annahme geht im Grunde noch auf den antiken Arzt Hippokrates zurück. Der dachte, dass man dabei „schlechte Luft“ loswird. Durch das vertiefte Ein- und Ausatmen wird der Gasaustausch im Blut zwar verbessert, das scheint aber nur ein Nebeneffekt zu sein. Als Auslöser des Gähnens wurde es inzwischen widerlegt.
2. Macht Gähnen wach?
Über diese Theorie wird immer noch gestritten. Verschiedene Studien lieferten Hinweise darauf, dass Gähnen eine aktivierende Wirkung auf den Körper hat, ganz ähnlich wie Koffein. Forscher stellten zum Beispiel fest, dass…
- die Herzfrequenz während des Gähnens und kurz danach steigt.
- die Konzentration von Hormonen und Neurotransmittern sich verändert.
- das Gehirn beim Gähnen vom Ruhenetzwerk auf die Bereiche umschaltet, die für bewusste Konzentration typisch sind.
- das Nervensystem stimuliert wird. Genauer: beim Gähnen dominiert der Parasympathikus der für Entspannung zuständig ist. Nach dem Gähnen dominiert der Sympathikus, für Aktivität.
Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, dass wir oft gähnen, wenn wir müde sind, oder? Wir versuchen, uns bei der Stange zu halten und wieder wach zu werden.
3. Kühlt Gähnen das Gehirn?
Eine andere Studie stellte fest: Menschen und Tiere gähnen besonders häufig, wenn es warm ist. Legt man ihnen dagegen beim Gähnen ein Eispack auf die Stirn, hören sie auf. Die Schlussfolgerung: Gähnen kühlt das Gehirn! Die starke Dehnung der Muskulatur verbessert die Durchblutung. Dazu wird viel kühle Luft eingeatmet. Beides hilft, um die Temperatur des Gehirns wieder unter Kontrolle zu bringen.
Das würde auch erklären, warum wir manchmal bei Angst oder Stress vermehrt gähnen. Die lassen die Temperatur des Gehirns nämlich ansteigen, und Gähnen ist unser Gegenmittel.
4. Verbindet es, gemeinsam zu gähnen?
Inzwischen gibt es aber auch Wissenschaftler*innen, die Gähnen vor allem als soziales und kommunikatives Phänomen sehen. Indem ich gähne, drücke ich aus, wie es mir gerade geht. Das ist besonders spannend, wenn man bedenkt, dass Gähnen ansteckend ist. Kennst du das auch? Irgendjemand fängt an, und du kannst nicht anders: du macht einfach mit!
Manche Forscher*innen gehen davon aus, dass das in unserer Evolution ein Vorteil war. Stell dir vor, eine Gruppe Urmenschen sitzt Abends am Lagerfeuer. Die ersten werden müde und fangen an zu gähnen – dadurch werden sie wieder wacher und konzentrierter, und auch die anderen machen gleich mit. So bleibt die ganze Gruppe aufmerksam.
Dieser Effekt ist stärker, je näher man sich steht. Er funktioniert aber auch auf die Distanz: bei Fremden oder zwischen Mensch und Tier. Manchmal reicht es sogar, darüber zu sprechen oder das Wort irgendwo zu lesen.
Gähnen als Stimmübung
Meistens gähnen wir ja unwillkürlich. Mit ein bisschen Übung kann man das Gähnen aber auch bewusst auslösen.
Wenn du Gähnen als Stimmübung nutzen möchtest, solltest du keine Schmerzen oder Beschwerden im Kiefer haben. Bitte achte bei der Übung gut auf dich und mach nichts, was sich unangenehm oder schmerzhaft anfühlt. Wenn du merkst, dass du viel Spannung im Kiefer hast, schau lieber erstmal hier vorbei: Kiefer lockern in 5 Schritten.
Alles ok? Dann probier doch mal aus, ob du ein Gähnen bewusst initiieren kannst. Achte dabei darauf, dass du in die Breite gähnst. Das heißt, dass du nicht nur den Mund öffnest, wie beim Zahnarzt, sondern auch die Mundwinkel nach außen ziehst. Vielleicht hilft dir das Bild eines gähnenden Löwen – bei denen sieht man es besonders gut.
Wenn es nicht gleich klappt, hilft dir vielleicht einer der folgenden Tricks:
So löst du ein Gähnen aus
1. Strecken und Spannung aufbauen
Stelle oder setze dich locker und aufrecht hin. Strecke dann deinen ganzen Körper. Nimm auch die Arme dazu und spreize die Finger auseinander. Und öffne den Mund, so als würdest du gähnen.
Oder: leg die Hände auf deine unteren Rippen. Zieh dann die Ellbogen mit der Einatmung nach außen.
Diese Bewegungen kannst Du ruhig 3-4 Mal wiederholen. Immer beim Einatmen lädst du das Gähnen ein. Und irgendwann kommt es.
Nicht? Dann lies weiter:
2. Den Rachen weit werden lassen
Fahre mit deiner Zunge oben am Gaumen entlang: von den Schneidezähnen nach hinten. Du kannst einfach sanft nach hinten gleiten oder schrittweise mit der Zunge gegen den Daumen drücken. Wiederhole das ruhig ein paar Mail, und denke dabei ans Gähnen.
Oder: forme mit deinen Lippen ein „o“, so als würdest Du am Daumen oder an einem Lolli lutschen. Zieh die Oberlippe nach vorne-unten und senke deinen Unterkiefer. Sobald das Gähnen einsetzt, kannst du den Mund natürlich öffnen.
Manchmal hilft auch ein Vorstellungsbild, um den Rachen weit werden zu lassen und das Gähnen auszulösen:
- Stell dir vor, dass du in deinem Mund eine Kugel aus Luft umschließt.
- Spanne einen Regenschirm in deinem Mund auf.
- Du hast eine Seifenblase im Mund. Atme vorsichtig ein, ohne sie zerplatzen zu lassen.
- Kühle eine heiße Kartoffel im Mund.
3. Spiegelneuronen nutzen
Gähne mit anderen zusammen, zum Beispiel in einem Stimmworkshop. Oder schau dir Bilder oder Videos an, auf denen jemand gähnt.

Ich gähne! Und jetzt?
Wenn du dein Gähnen gefunden hast, wiederhole das 3 Mal sehr genussvoll. Dann spür nach und sag ein paar Worte. Wie fühlt sich das Sprechen jetzt an?
Das kannst du super zum Aufwärmen vor dem Sprechen verwenden. Aber auch als Erholungsprogramm für eine ermüdete Stimme eignet sich das Gähnen.
Übrigens: Wenn du beim Stimmtraining besonders viel gähnen musst, ist das ein gutes Zeichen. Deine Atmung wurde angeregt, und der Körper regeneriert sich.
Quellen
Margarete Saatweber, Einführung in die Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen. Schulz-Kirchner-Verlag, Idstein 2007 (6. Auflage).
Horst Coblenzer, Franz Muhar, Atem und Stimme.öbv hpt verlag, Wien, 2006 (20. Auflage).
Hiltrud Lodes, Atme richtig. Goldmann Verlag München, 10. Auflage, 2000.
Walburga Brügge/Katharina Mohs, Therapie funktioneller Stimmstörungen. Ernst Reinhardt Verlag München/Basel, 1996.
Online-Quellen findest Du in den Verlinkungen!





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