Wie ich wurde, was ich bin: Mein Weg zur Kommunikationspädagogin

von | Mai 29, 2022 | Persönliches | 10 Kommentare

Als Kind hatte ich so viele Ideen, was ich mal werden wollte. Ich erinnere mich nicht mehr an alle. Eine Zeitlang habe ich von einem Hof mit ganz vielen Tieren geträumt. Eine Weile wollte ich im Wald leben, fernab der Zivilisation. Dass ich etwas mit Kommunikation machen würde, hätte ich eher nicht gedacht. Aber dass Sprache und Sprechen mal eine besondere Rolle spielen würden, darauf gab es schon ein paar Hinweise. Hier dokumentiere ich meinen Weg in 12 Stationen:

1.) 6. Dezember 1991 – Es ist Nikolaustag. In Bremen ist es Tradition, dass die Kinder durch die Geschäfte ziehen, ein Gedicht aufsagen und dafür Süßigkeiten bekommen. Da will ich (4 Jahre) natürlich mitmachen. Ich spaziere mit meiner Mama in die Apotheke an der Ecke und sage: „Ding dong.“ Dann halte ich erwartungsvoll meinen Beutel auf. Die Apothekerin ist bestimmt etwas überrascht, aber meine Süßigkeiten bekomme ich. Meine Mama sagt, dass mir das Nikolauslaufen auch später Spaß gemacht hat – vor allem, weil ich dann Gedichte aufsagen durfte.

2.) Irgendwann im Jahr 2001 – In der Schule bin ich ziemlich zurückhaltend. Abgesehen von meinen Lieblingsfächern melde ich mich nie. Mündlich bin ich oft 2 Noten schlechter als schriftlich. Aber einmal werde ich gebeten, vor der Klasse ein Gedicht vorzutragen, hinterher sagt mein Deutschlehrer: „Du hast so eine Art zu reden, dass man einfach an deinen Lippen hängt.“ Was ich damals, und vor allem in der Schule, niemals zugegeben hätte: es hat mir Spaß gemacht und ich habe mich insgeheim über die Aufforderung gefreut.

3.) Herbst 2003 – Ich habe eine Anzeige entdeckt: offene Theaterwerkstatt. Es reizt mich, aber ganz allein an einen fremden Ort, zu einer fremden Gruppe gehen? Und da Theater spielen? Definitiv außerhalb meiner Komfortzone. Ich drehe vor der Türe ab. Gehe eine Runde über den Jahrmarkt, der ist zufällig genau daneben. Dann fasse ich mir ein Herz und gehe rein. In der Freiraum-Gruppe von Ruth mache ich meine ersten Schritte auf der Bühne, die fortan zu meinem Leben dazugehört.

4.) Winter 2005 – Ich ziehe zum Studieren nach Göttingen. Aufregend! Ich lerne die Stadt kennen und knüpfe neue Kontakte. Das fällt mir leichter als früher, ich mag es, dass mich hier niemand kennt, und dass ich mich nochmal neu definieren kann. Nur in der Lateinvorlesung verschlägt es mir die Sprache. Ich habe Angst zu sprechen und wenn ich es doch tue, komme ich ins Stocken. Es dauert eine Weile, bis die Blockade sich wieder auflöst.

5.) Sommer 2006 – Mein erstes Seminar in der Sprecherziehung. Es heißt „Balladen sprechen“ und macht mir einen riesen Spaß. Dann stelle ich fest: Da sind Leute, die so eine Ausbildung machen. Die beschäftigen sich mit Sprechen und Kommunikation. Das will ich auch! Ich fange mit der Ausbildung zur Sprecherzieherin an. Körper, Kopf, Gefühle – hier hat alles Raum und ist wichtig, ganz anders als in der Uni. Ich gewinne wieder Selbstvertrauen und Mut.

6.) Frühling 2007 – Ich darf wieder auf die Bühne. Im studentischen Theater im OP habe ich meine erste Rolle bekommen. Hier probiere ich in den nächsten Jahren alles aus: Spielen, Regieassistenz, Bühnenbild, Kostüm und Maske. Die Bühne mag ich auch deswegen, weil ich da Dinge tun kann, die ich im Alltag nicht machen würde: laut sein und Türen knallen und mich prügeln zum Beispiel. Das auszuleben, ohne dass es irgendwelche Konsequenzen hat, macht mir Spaß und hilft mir zugleich, Selbstbewusstsein und Bühnenpräsenz zu entwickeln.

7.) Winter 2010 – Nach meinem Bachelor gehe ich nach Halle (Saale). Hier will ich mich voll und ganz dem Thema Sprechen und Kommunikation widmen. Leider ist der Studiengang „Sprechwissenschaft“ viel theoretischer als ich dachte. Ich will nicht empirisch forschen und die Themen sind mir zu weit von der Praxis entfernt. Außerdem finde ich keine Freund*innen. Die Stadt gefällt mir zwar, aber richtig wohl fühle ich mich nicht. Nach einem Semester breche ich ab.

8.) Sommer 2011 – Mein Plan B ist Münster. Dort kann ich die Ausbildung zur Sprecherzieherin fortsetzen. Außerdem gibt es einen Master, der mich interessiert. Also alles wie vorher? Naja, der verfehlte Start in Halle hängt mir noch eine Weile nach. Dafür gibt es hier viele Möglichkeiten, in die berufliche Tätigkeit rund um das Sprechen reinzuschnuppern. Ich nehme an Lesungen teil und gebe erste Seminare. Und eine Theatergruppe finde ich natürlich auch.

9.) Herbst 2018 – Ich habe meinen Abschluss in der Tasche. Master Kulturpoetik und Sprecherzieherin DGSS. Nur habe ich keine Ahnung, was ich machen will. Ich hadere mit meinen Kommunikationsseminaren. Sie strengen mich extrem an und ich ärgere mich über Teilnehmer*innen, die manipulative Techniken lernen wollen. Ich spüre keine Motivation und weiß gar nicht mehr, warum ich das mache. Also lege ich die Seminartätigkeit auf Eis und schreibe Bewerbungen an Verlage.

10.) April 2019-April 2021 – Ich schlage mich mit Gelegenheitsjobs durch. Brötchen verkaufen, Gäste durch Museen führen und Theaterprojekte organisieren. Und ich beschäftige mich mit mir. Reflektiere, schreibe auf, merke, woher mein Unbehagen mit den Kommunikationsseminaren kommt: Als introvertierte, manchmal schüchterne Person fühle ich mich fehl am Platz. Nie genug. Aber muss das so sein? Ich glaube nicht!

11.) Mai 2021 – Ich positioniere mich neu. Ich möchte wieder mit Kommunikation arbeiten, aber anders. Möchte stillen und zurückhaltenden Menschen Mut machen. Sie bestärken und den Blick auf ihre besonderen, kommunikativen Stärken lenken. Anstelle des oft missverstandenen Begriffs „Sprecherzieherin“ entscheide ich mich für die Berufsbezeichnung „Kommunikationspädagogin“. Ab Mai 2021 bin ich Vollzeit selbstständig. Ein neues Abenteuer beginnt!

12.) Heute bin ich ziemlich genau ein Jahr dabei. Ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut. Ich organisiere weiterhin Theaterveranstaltungen, ab und zu gebe ich Seminare für Unternehmen und Bildungsträger und seit März biete ich auch endlich 1 : 1 Trainings an – ein Format, das mir sehr viel Freude bereitet. Ich bin Ensemblemitglied bei Theater en face und außerdem als Sprecherin tätig. Mein Business steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber ich freue mich auf jeden weiteren Schritt!