Der Mai lief anders als geplant: Workshops und eine Lesung musste ich absagen. Dafür habe ich die Arbeit im neuen Raum genossen, und die Sprechtrainings in der Gruppe, im Kreativ-Haus und beim Jugendtheater. Das große Thema im Mai: Wie wird die Stimme kraftvoll und tragfähig?
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Wie wird die Stimme kraftvoll und tragfähig?
Diese Frage hat mich im Mai immer wieder beschäftigt: Im 1:1 Sprechtraining und in der Voice-Werkstatt, bei den Sprechtrainings-Einheiten im Jugendtheater und auch in meinem eigenen Sprechen. In meinem Newsletter, dem Voice-Letter habe ich die Erkenntnisse jeden Freitag reflektiert. Deswegen werde ich hier den einen oder anderen Text übernehmen 🙂
Wie schaffe ich es, so laut und kraftvoll zu sprechen, dass ich gehört werde?
Im Voice-Letter vom 8. Mai habe ich erzählt, dass mir das als Kind ganz und gar nicht leicht fiel. Heute weiß ich worauf es ankommt. Hier sind die drei wichtigsten Bausteine:
- Wahrnehmung des Raums: Wie groß ist der Raum, dessen ich mir bewusst bin? Wenn ich zu leise spreche, sind das oft Momente, in denen ich eher bei mir bin – in meinem Raum. Noch nicht bereit, die Schwelle zu einem anderen Menschen zu überschreiten. Was ich dann tun kann, ist: den gemeinsamen Raum wahrnehmen. Schauen. Hören. Spüren. Mir bewusst machen: Das ist der Raum, den ich mit meinem Sprechen gestalte. Der Weg, den meine Stimme zurücklegt.
- Intention: Wen will ich mit meiner Stimme erreichen? Je nach Situation vielleicht auch: Was will ich erreichen? Was möchte ich von dieser Person? Wenn meine Intention klar ist, hat es die Stimme viel leichter. Sie wird genau so sein, wie ich es brauche.
- Kontakt: Durch mein Sprechen erzeuge ich eine Verbindung. Das beginnt schon vorher: Mit dem Gedanken, dem Wunsch, dem Einatmen. Dem Blick zu der Person. Und die Stimme führt es fort.
Kontakt und Intention sind ganz nah beieinander. Sie sind fast eins. Ich schreibe sie einzeln auf, weil Kontakt noch mehr ist: Ich will nicht nur etwas bewirken, sondern ich öffne mich auch. Im Kontakt verändern wir uns beide. Wir richten uns aneinander aus, reagieren aufeinander und es entsteht etwas Gemeinsames. Das ist schön und zugleich auch beängstigend. Was ok ist 🙂
Für mich sind diese drei Bausteine, Wahrnehmung – Intention – Kontakt, das Wesentliche. Das innere Warum. Und deshalb passiert es oft, dass sich die Stimme bereits verändert, wenn wir nur darin ganz klar werden.
Eine andere Kraft – Erkenntnisse aus dem Sprechtraining
Wenn wir an Kraft denken, verbinden wir damit oft Muskelkraft und größere Anstrengung. Mehr wollen und mehr machen.
Und ja, wenn wir etwas wollen, erzeugt das Kraft. Wir richten uns auf. Sammeln uns, sind bereit. Fokussieren unser Ziel. Das kann auch als kraftvolle Stimme hörbar werden.
In den 1:1 Sprechtrainings und in der Voice-Werkstatt im Mai sind wir einen anderen Weg gegangen. Wir haben uns gerade nicht nach vorne auf ein Ziel orientiert. Sondern nach hinten.
Wir haben unsere Rückseite gespürt. Das Bewusstsein nach hinten erweitert, in den Raum hinter uns, und die Stimme da hinfließen lassen.
Das hat auch eine Kraft erzeugt. „Eine andere Kraft“ – so hat es eine Teilnehmerin formuliert. Eine Kraft, die mit unseren üblichen Vorstellungen von Kraft nicht übereinstimmt und trotzdem kraftvoll ist: groß, weit und mühelos. Manchmal unerwartet 🙂
Willst du es auch probieren?
- Stell dich auf beide Füße, finde eine flexible Aufrichtung.
- Nimm deinen Atem wahr. Wo spürst du seine Bewegung?
- Jetzt schau mal, ob du deine rückwärtigen Atemräume spüren kannst: Die Rückseite des Brustkorbs, die Flanken, vielleicht auch den unteren Rücken.
- Weite deine Aufmerksamkeit auf deine ganze Rückseite aus. Spür deinen Hinterkopf, Nacken, Schulterblätter. Rücken, Becken, Beine und Fußsohlen.
- Jetzt summe ein www und schicke es in deine Rückseite. Lass es sich dort ausbreiten und vibrieren.
- Stell dir den Raum hinter dir vor. Wenn du magst, lass das www auch da hin strömen.
- Mit dem nächsten www mach ein paar Schritte rückwärts, in deinen rückwärtigen Raum, deinen Klang hinein.
- Spür einen Augenblick nach. Lass es wirken.
Kraftvolle Stimme für die Bühne – ich importiere eine Aikido-Übung in die Theaterarbeit
Im Mai habe ich das Jugend-Theaterprojekt „Widersteh dich“ bei Cactus Junges Theater intensiver begleitet. Denn: Am 26. Juni ist Premiere im Theater im Pumpenhaus.
Am Anfang mache ich immer noch viele kreative Experimente mit Stimme, Sprechen und Bewegung. Wenn es auf die Premiere zugeht, kommt die Erarbeitung der Sprechtexte dazu. Und ein großes Ziel tritt in den Vordergrund: Die Stimme im großen Bühnenraum so einsetzen, dass sie wirklich beim Publikum ankommt 🙂
Dazu habe ich dieses Mal eine Übung aus dem Aikdo importiert. Die Idee dazu hatte ich von Stefanie Liedtke. Wir kannten uns schon vom Vasiljev-Training im letzten Sommer. Im April haben wir uns dann überraschend wiedergetroffen, beim Barcamp im Horb, von dem ich in meinem Artikel „Netzwerken als Introvertierte“ berichte.
Stefanie unterrichtet Aikido für Musiker*innen und bringt beides auf ihrem Blog „MusicWarriors“ zusammen. Eine Mega-Kombination, die mich neugierig machte: Was steckt eigentlich alles im Aikido, was auch für die Stimmarbeit spannend ist? Wie lassen sich Aikido-Grundprinzipien wie das Bewegen aus der eigenen Mitte, die Aufrichtung und innere Stabilität, die Atemkraft und der Kontakt zur Partner*in übertragen – und zwar so, dass sie auch für Menschen zugänglich sind, die sonst kein Aikido üben?
Als erstes Experiment in dieser Richtung habe ich die Übungen Torifune und Furitama in meine Warm-Ups bei „Widersteh Dich“ integriert. Bei Torifune steht die Gruppe im Kreis zusammen, die Füße in Schrittstellung. Das Gewicht ist erst auf dem hinteren Fuß und wird dann auf den vorderen verlagert, dann wieder zurück usw., in einem gemeinsamen Rhythmus. Bei der Bewegung nach vorne fliegen die Hände auch nach vorne. Bei der Bewegung zurück landen sie als Fäuste seitlich an der Hüfte. Das ist eine kraftvolle, aber fließende Bewegung, bei der die Kraft aus der Körpermitte und den Beinen kommt. Die Arme sind ganz frei, sie folgen dem Impuls und können in der Vorstellung Energie in den Raum schicken. Dann kommt noch die Stimme dazu, mit den Silben hei (nach vorne) – ho (nach hinten) oder hei (nach vorne) – sa (nach hinten).
Das Spannende für eine kraftvolle Stimme ist, dass der Hals – ebenso wie die Arme – weit und offen bleiben kann. Die Kraft kommt aus der Körpermitte und sie ist auch im Atem, der mit der Bewegung fließt. Sie überträgt sich, ohne dass wir groß technisch darauf achten müssen, auch in die Stimme. Dabei ist es gar nicht so wichtig, besonders laut zu sein. Wichtiger ist die Empfindung von Weite, Aufrichtung, Offenheit und Schwung und die Vorstellung, Energie zu schicken.
Außerdem hat es etwas bestärkendes, so als Gruppe gemeinsam zu tönen. Die einzelnen Übenden können dabei ihre stimmliche Kraft spüren, ohne sich zu exponieren – denn der chorische Gruppensound hat auch etwas Schützendes.
Hier kannst du den Aikido-Begründer Morihei Ueshiba bei der Übung sehen. Ganz so zackig wie er machen wir das aber nicht 😉
Meine Stimme sagt ja zum neuen Raum
Manchmal weiß die Stimme etwas, das wir noch nicht wissen. Sie drückt aus, wie es uns geht. Ob wir uns wohl fühlen. Sicher fühlen. Auch dann, wenn es uns selbst nicht bewusst ist.
Diese Signale können verwirrend sein. Aber im Rückblick machen sie meistens Sinn.
Mir geht es so, seit ich im neuen Raum bin. Meine Stimme ist auf einmal so gelöst. Ich spüre die Schwingungen. Es fühlt sich leicht und nach mir an. Von der Anstrengung, die ich in den Wochen davor in meiner Stimme gespürt hab, ist nur noch wenig da.
Ich nehme das als Bestätigung, dass es eine gute Entscheidung war, umzuziehen. Und gleichzeitig bin ich erleichtert, denn diese Anstrengung hat mich verunsichert. Mir war nicht bewusst, dass die Situation nicht mehr optimal für mich war. Ich dachte: „Ist doch alles wie immer, warum ist da diese Enge?“
Aber es war nicht „alles wie immer“. Und selbst wenn – es kann ja sich ja auch in mir etwas verändern, sodass „alles wie immer“ eben nicht mehr passt!
Zu spüren, dass meine Stimme „ja“ sagt zur neuen Situation, das ist jedenfalls schön.



Die Geburt des Voice-Letters
Mein Newsletter hat einen neuen Namen bekommen: Er heißt jetzt Voice-Letter 🧡
Im Voice-Letter gibt es einmal pro Woche eine Inspiration, um mit deiner Stimme Kontakt aufzunehmen. Kein Leistungsdruck. Kein „so hat das zu klingen“, sondern ein achtsames, aufmerksames Hinspüren zum eigenen Atem, zur Stimme und zu dir selbst.
Da ist Raum für Stimme und Übungen, und ebenso für die Themen drumrum: Momente in der Kommunikation, die herausfordernd sind. Sprechen auf der Bühne oder im Studio. Das Sprechen als Introvertierte. Ja, ist ein wilder Mix, gehört aber alles dazu 🙂
Neu ist auch der Rhythmus: einmal pro Woche. Das habe ich im Mai einfach mal ausprobiert und war ganz erstaunt dass es mir leichter fällt als mein bisheriger Ungefähr-Einmal-im-Monat-Rhythmus.
Zwei Dinge tun mir daran gut:
- Die Regelmäßigkeit: Jeden Freitag um 9 setze ich mich hin und schreibe. Das steht im Kalender. Es ist immer gleich, deshalb stelle ich es gar nicht in Frage. Außerdem werde ich geübter im Kleine-Themen-im-Alltag-Entdecken. So ist mir bisher jedes Mal etwas eingefallen 🙂
- Die Kürze: Ein Newsletter, der öfter kommt, braucht nicht so lang zu sein. Er muss auch nicht alle Workshops der nächsten Monate enthalten, sondern immer nur einen. Die Reduktion macht das Schreiben leichter, und das Lesen wahrscheinlich auch.
Diese Klarheit und Regelmäßigkeit wünsche ich mir auch in anderen Bereichen, z. B. beim Blogartikel-Schreiben. Das habe ich Mai nur ganz wenig gemacht. Anfangs dachte ich, daran sei das Newsletter-Experiment schuld, so im Sinne von aufgebrauchter Schreibenergie 😉 Aber im Mai war auch einfach vieles viel.
Rückzug von Social Media
Anfang des Jahres habe ich beschlossen: Ich will kein Social Media mehr. Nicht als Teil meiner Selbstständigkeit und auch sonst nicht. Heute überlege ich: War das richtig? Wie funktioniert es ohne?
Die Social Media Plattform, die ich am meisten genutzt habe, war bisher Instagram. Dort habe ich angefangen, über meine Arbeit zu sprechen, habe Gedanken und Erkenntnisse geteilt, als ich noch keine Website hatte. Ich lernte wirklich spannende Themen und tolle Menschen dort kennen. Meine Arbeit wurde sichtbar, auch für Leute, die mich nicht so gut kannten. Meine Erfahrungen waren durchaus positiv.
Doch je mehr ich dort aktiv war, desto mehr konnte ich auch spüren, dass es mich stresst. Da war die Erwartung, regelmäßig, am besten täglich präsent zu sein. Immer wieder neue Inhalte zu liefern und auch bei anderen zu schauen und zu interagieren. Wenn ich etwas geteilt hatte, merkte ich im Hintergrund eine subtile Aufgeregtheit: Wie reagieren die Leute? Gibt es Reaktionen? Ich schaute rein, um nachzusehen, und blieb hängen. Irgendwann war ich erschöpft. Das ist der eine Grund.
Der andere Grund ist die Haltung des Meta-Besitzers Marc Zuckerberg: Trump-Unterstützer und Tech-Bro, der queerfeindliche, frauenfeindliche oder antisemitische Hassbeiträge auf seinen Plattformen einfach stehenlässt, aber dafür demokratische Initiativen wie „My Voice My Choice“ in ihrer Reichweite einschränkt. Will ich das unterstützen? Nein!
Meinen Account habe ich noch nicht gelöscht, aber ich war kaum aktiv. Habe auch nur selten mal passiv reingeschaut. Und das tat gut! Meine Zweifel im Augenblick kommen daher, dass sich für meine Workshops weniger Menschen anmelden. Zwei haben im April/Mai mit vier Teilnehmerinnen stattfinden können und drei mussten ausfallen. Ich frage mich: Könnte es daran liegen, dass ich kaum Social Media mache? Oder anders gefragt: Wie schaffe ich es ohne Social Media, dass meine Arbeit sichtbar ist? Dass die richtigen Menschen davon erfahren?
Ich glaube, das ist die eigentliche Frage. Denn zurück will ich nicht 🙂
Die andere Frage ist: Warum sind wir alle nicht schon längst woanders? Warum ist der Whatsapp-Status neben Social Media noch immer der wirksamste Ort, um auf etwas hinzuweisen? Obwohl auch Whatsapp zu Meta gehört? Obwohl es Alternativen gibt, wie zum Beispiel Signal? Wäre es nicht viel einfacher, wenn wir uns kollektiv verabreden und an einem anderen Ort treffen würden?

Was im Mai 2026 sonst noch so los war
- Auch unsere Lesung, den Gespenstertee in Steinfurt-Borghorst mussten wir verschieben. Neuer Termin ist der 28. November. Außerdem haben wir eine Probe im Gasometer gemacht, um mal auszuprobieren, wie das klingt. Das Gasometer ist ein großer, offener Kessel, der in diesem Jahr für Kultur genutzt werden kann. Die Akustik ist extra-special, mit Echos und so.
- Die Uni Münster hat mich als Lehrbeauftragte angefragt. Mein Seminar startet schon im Sommersemester 2026 (als Blockveranstaltung in der Vorlesungsfreien Zeit) und heißt „Authentisch, klar und selbstbewusst vor einer Gruppe sprechen. Stimm- und Sprechtraining mit Gedichten“. Es kann von Lehramtsstudierenden besucht werden und auch über die Allgemeinen Studien. Damit kehre ich als Dozentin ans Centrum für Rhetorik zurück – dorthin, wo ich selbst 2018 meinen Abschluss als Sprecherzieherin gemacht habe.
- Ich habe Circle Songs gesungen. Das ist durchaus eine Neuigkeit für mich, denn vorm Singen hatte ich lange Angst. Inzwischen habe ich aber noch mehr Neugier. Und nach dem 1. Circle Song Abend war ich so beschwingt, ich bin tagelang einfach singend durch Münster gefahren 😄
- Private Reisen haben mich nach Franken und ins Ruhrgebiet geführt.
- Ich habe ein cooles Kartenset für das Stimm- und Sprechtraining entdeckt. Es heißt „PSST! Mit Stimme Theater machen“ und enthält viele gute Übungen und Anregungen für kreative Experimente.
- Ich habe endlich meinen Führerschein! 🥳





Ein neuer Blogartikel im Mai 2026
- Stimme vs. Sprechen und Stimmtraining vs. Sprechtraining – Was ist der Unterschied? – In meiner Arbeit als Sprechtrainerin unterscheide ich zwischen Stimme und Sprechen. Für die Teilnehmer*innen ist das oft ein neuer Gedanke. Deshalb erkläre ich hier, wann ich „Stimme“ sage und wann „Sprechen“, und was es mit den beiden Bezeichnungen „Stimmtraining“ und „Sprechtraining“ auf sich hat.
Das kommt im Juni 2026
- Der Juni ist direkt mit einem Workshop an der Volkshochschule gestartet: „Fit für den Auftritt. Sicher und frei vor anderen reden“.
- Ich gebe einen internen Workshop für den Hiltruper VorleseClub 🙂
- Am 20. Juni ist mein Workshop SHOW YOUR VOICE | Dich zeigen & in Verbindung kommen im Dreiraum Münster.
- Am 26. Juni ist die Premiere von WIDERSTEH DICH von Cactus Junges Theater im Theater im Pumpenhaus.
- Ebenfalls am 26. Juni, um 22.05 laufen die „R-Files“ im Deutschlandfunk Kultur. Dieses Hörstück über das rollende R von Lis Schröder enthält Interview- und Sprechtrainings-Ausschnitte mit mir! Sie werden als Teil der Sendung „Kurzstrecke“ ausgestrahlt.
- Am 27. Juni ist im Kreativ-Haus Münster Bühne, Wut & Mut – ein Bühnen-Sprechworkshop für Frauen mit wütenden Texten.
- Und am 30. Juni ist wieder die Offene Voice-Werkstatt, ebenfalls im Kreativ-Haus.






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