Von schüchtern zu stark: Wie Bloggen mir half, mutig zu sein

von | Nov 16, 2023 | selbstbewusst introvertiert | 0 Kommentare

Gastartikel von Mim Gaisser

Bloggen. Ein viel benutztes Wort, das häufig mit Influencer*innen oder verstaubten Online-Tagebüchern gleichgesetzt wird. Manchmal heißt es sogar, Blogs seien tot. Trotzdem entdecken noch immer Leute das Bloggen für sich. Sei es, dass sie ihre Expertise zeigen oder bei Google gefunden werden wollen.

Doch wer glaubt, dass Bloggen lediglich ein Marketinginstrument ist, irrt sich gewaltig. Denn Bloggen kann ein wunderbarer Weg sein, sich persönlich weiterzuentwickeln und zu wachsen.

Ich habe in meinen über acht Jahren als aktive Bloggerin die Erfahrung gemacht, dass gerade für Introvertierte das Bloggen ein tolles Werkzeug ist, um sich selbst besser kennenzulernen, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und sogar für das “Offline-Leben” neue Fähigkeiten zu gewinnen.

Auf Letzteres möchte ich im Folgenden eingehen und dir zeigen, welche wertvollen Lektionen mich das Bloggen gelehrt hat.

Wie alles begann

Angefangen hat alles am 13. Mai 2015.

Ich steckte gerade mitten in einer persönlichen Krise und war völlig am Boden. Die meiste Zeit verbrachte ich grübelnd im Bett, von meiner einstigen Lebenslust war kaum mehr etwas übrig.

In dieser Zeit gründete eine enge Freundin von mir einen Blog und war vollkommen begeistert von ihrem neuen Hobby.

Da ich schon immer gerne geschrieben habe, machte sie mich neugierig. Ich überlegte, ob mir ein Blog möglicherweise wieder etwas Freude im Leben schenken könnte – oder zumindest Ablenkung.

Meine größten Zweifel dabei: Würde ich das Bloggen lange durchhalten? Bereits in der Vergangenheit hatte ich das eine oder andere Blogprojekt gestartet, doch jedes Mal nach wenigen Wochen wieder eingestampft.

Trotzdem: Ich hatte nichts zu verlieren und meine bloggende Freundin inspirierte mich so sehr, dass ich der Bloggerei noch einmal eine Chance geben wollte.

Eine Entscheidung, die mein Leben komplett veränderte.

Der Anfang war jedoch nicht leicht. Das Bloggen jagte mir solche Angst ein, dass ich es nur unter Pseudonym und mit einem Manga-Avatar, der mir kein bisschen ähnlich sah, wagte.

Ich veröffentlichte zunächst kurze Artikel über Bücher und das Schreiben, sowie Kurzgeschichten, ehe später Buchrezensionen und längere Artikel zu anderen Themen hinzukamen.

Nach zwei Jahren berichtete ich regelmäßig über meine Depression und wie ich damit umging. Dadurch wuchs meine Leserschaft immer mehr an und ich knüpfte Kontakte zu anderen Schreibenden.

Mit der Zeit wurde ich mutiger. Irgendwann traute ich mich dann auch, den Avatar abzulegen und ein Foto von mir auf dem Blog hochzuladen. Das vereinfachte einiges, denn so musste ich mich nicht mehr verstecken und stets daran denken, bloß keine Details zu nennen, die meine wahre Identität verraten könnten.

Während der Coronapandemie entwickelte ich ein immer stärker werdendes Interesse am Thema Introversion. Zwar hatte ich bereits in den Jahren davor Bücher dazu gelesen und einen Tumblr-Blog dazu betrieben, aber so richtig tiefgründig damit beschäftigt, hatte ich mich nicht.

Ich beschloss, einen brandneuen Blog zum Thema Introversion und Hochsensibilität zu gründen und nachdem ich einige Hindernisse dazu überwunden hatte, startete ich im April 2021 meinen meine heutige Website still & sensibel.

Unter meinem Namen. Mit meinem Foto. Offen und ehrlich.

Über die Jahre hinweg habe ich eines gemerkt: Je mutiger ich auf meinem Blog wurde, desto mutiger wurde ich auch in meinem Alltag.

Das Schreiben über meine Gedanken, Gefühle und Wünsche half mir nicht nur, mich selbst besser kennenzulernen, sondern mich auch anderen besser mitteilen zu können.

Heute bevorzuge ich noch immer ganz klar das Schreiben, aber ich fühle mich auch mit dem Sprechen wohler.

So gab ich beispielsweise schon mehrere Interviews, traf mich mit fremden Leuten bei Zoom zum Netzwerken und stehe mutiger im Alltag für meine Interessen ein.

Zitat als Bild: "Je mutiger ich auf meinem Blog wurde, desto mutiger wurde ich auch im Alltag." Mim Gaisser

Kleiner Exkurs: Mut ist nicht, was du denkst

Doch woher kam plötzlich dieser Mut? Wie machte mich das Bloggen zu einer mutigeren Person? Ein Grund war sicher Übung. Man wächst mit seinen Herausforderungen.

Aber ich habe auch etwas erkannt.

Es gibt viele Mythen, die sich um das Thema Mut ranken. Zwei davon möchte ich an dieser Stelle kurz aufgreifen, denn sie waren wichtige Erkenntnisse auf meinem Weg zu einer mutigeren Bloggerin.

1. Mythos: Mut ist das Gegenteil von Angst

Gleich mal vorneweg: Dieser Mythos ist komplett falsch. Mut ist nicht das Gegenteil von Angst, sondern geht mit ihr Hand in Hand.

Mut und Angst bedingen sich. Mutig zu sein, bedeutet, dass ich etwas tue, obwohl ich Angst davor habe. Und je größer die Angst ist, desto größer ist auch der Mut, der dafür aufgewendet werden muss.

Das bedeutet also: Ein Mensch, der keine Angst hat, kann nicht mutig sein. Ein Mensch, der extrem ängstlich ist, ist hingegen häufig mutig, weil er sonst sein Leben gar nicht bestreiten könnte.

Wenn ich von einer Brücke Bungee-Jumping mache, aber gar keine Angst vor Höhe oder dem Springen habe, dann ist das Nervenkitzel und eine Gaudi, aber nicht sehr mutig.

Wenn ich hingegen panische Höhenangst habe und mich trotz Angst wage, jene Brücke lediglich zu überqueren, dann ist das etwas sehr Mutiges.

Du siehst: Es hängt immer davon ab, wie viel Angst uns eine Sache macht.

2. Mythos: Mut ist eine Charaktereigenschaft

Auch dieser Mythos ist falsch. Mut ist keine angeborene Eigenschaft oder ein Persönlichkeitsmerkmal, so wie zum Beispiel Humor oder Geduld.

Mut ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die wir treffen und umsetzen.

Die Aussage “Ich bin nicht mutig” ist also keine Entschuldigung dafür, dass wir eine bestimmte Charaktereigenschaft nicht haben, sondern sie bedeutet, dass wir eine Entscheidung nicht treffen können oder wollen.

Oder anders gesagt: Mutig ist, wenn wir uns dafür entscheiden, obwohl wir Angst haben.

Zitat als Bild: "Mut ist eine Entscheidung." Mim Gaisser

Schreiben als Brücke

Wieso hat mir nun aber das Schreiben so sehr dabei geholfen, mutiger zu sein?

Ich persönlich sehe das Schreiben als eine Brücke zwischen dem Denken und dem Sprechen. Ich habe bei mir beobachtet, dass ich diese Brücke brauche, um mich klarer und selbstsicherer ausdrücken zu können.

Es ist ein wenig, wie wenn man sich ein Konzept vor einem Vortrag schreibt. Das, was man schon mal aufgeschrieben hat, kann leichter wieder vom Kopf abgerufen werden.

Genauso geht es mir mit den Themen, über die ich zum Beispiel in den vorhin erwähnten Interviews gesprochen habe. Dadurch, dass ich im Vorfeld bereits über diese Themen geschrieben hatte, fiel es mir deutlich leichter, darüber zu sprechen und meine Ansichten zu äußern.

"Ich persönlich sehe das Schreiben als eine Brücke zwischen dem Denken und dem Sprechen." Mim Gaisser

Meine 4 größten Learnings für das “echte” Leben

Aber kann man durch das Bloggen wirklich etwas für das “echte” Leben außerhalb des Internets lernen?

Diese Frage kann ich mit einem ganz klaren Ja beantworten. Das Bloggen hat mich in vielen Situationen herausgefordert und manches musste ich auf schmerzliche Weise lernen.

Im Folgenden habe ich dir die vier größten Learnings mitgebracht, die ich dem Bloggen verdanke:

1. Ich sage Nein, wenn etwas nicht geht

Eine bedeutungsvolle Eigenschaft, die ich lange nicht beherrschte. Ich sorgte mich oft viel zu sehr um die Gefühle anderer Leute, als um meine eigenen.

Das führte dazu, dass ich etwa Rezensionsexemplare für Bücher annahm, die ich zwar wirklich gerne lesen wollte, für die ich aber eigentlich gar keine Kapazitäten freihatte. Dadurch kam ich brutal unter Zeitdruck, konnte das Lesen kaum genießen und verlor schlussendlich meinen Spaß am Verfassen von Buchrezensionen.

Irgendwann merkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte und ich Rezensionsexemplare ablehnen musste, auch wenn sie interessant klangen. Am Anfang fühlte ich mich dabei sehr egoistisch, aber inzwischen geht es leichter. Ich schaue nun viel genauer, ob ich ein Rezensionsexemplar wirklich annehmen kann oder nicht.

Auch bei Kooperationsangeboten sage ich immer öfter Nein, wenn es nicht zu meinem Blog passt oder ich an der Seriosität des Angebots zweifle.

Dadurch ging mir bereits einiges an Geld flöten, das ich hätte brauchen können. Aber es war mir wichtiger, ehrlich und echt auf meinem Blog zu veröffentlichen. Außerdem gibt es sehr viele schwarze Schafe, die Bloggende zu unseriösen Kooperationen verführen wollen.

Die Fähigkeit, Nein zu sagen, kann ich auch in meinem Alltag einsetzen. Etwa wenn es darum geht, an einer Feier nicht teilzunehmen. Oder wenn mich jemand um einen Gefallen bittet, ich aber dieser Bitte nicht nachkommen möchte oder kann.

2. Ich ergreife öfter die Initiative

Beim Bloggen geht es darum, neue Inhalte zu liefern. Bereits bei meinem Buchblog kam ich da auf verschiedene Ideen, wie ich mit Autorinnen zusammenarbeiten könnte.

Besonders großen Spaß machen mir Interviews, aber dazu braucht man ein interessantes Gegenüber, das man löchern kann. Zuerst traute ich mich nicht recht, proaktiv auf andere zuzugehen und um ein Interview zu bitten.

Aber mit der Zeit merkte ich, dass es richtig Spaß machen kann, die Initiative zu ergreifen und neue Dinge anzupacken. Ich realisierte viele meiner Ideen und das macht mich heute stolz und glücklich.

Auch im Alltag fällt es mir leichter, die Initiative zu ergreifen, anstatt (wie früher) darauf zu warten, dass die Anderen etwas vorschlagen oder fragen.

Zitat als Bild: "Mit der Zeit merkte ich, dass es richtig Spaß machen kann, die Initiative zu ergreifen." Mim Gaisser

3. Ich stehe für meine Meinung ein

Das Bloggen hat mir enorm dabei geholfen, meine Meinung formulieren zu können, sinnvoll zu argumentieren und vor allem auch diese Argumente mit der Welt zu teilen. Dadurch, dass ich dies beim Schreiben regelmäßig übe, fällt es mir inzwischen auch leichter, meine Meinung auszusprechen.

Zudem bekommt man beim Bloggen mitunter Gegenwind, wenn man etwas äußert, das provoziert. Aber man hat beim Schreiben – im Gegensatz zu einer gesprochenen Konversation – in der Regel mehr Zeit, sich eine sinnvolle und angebrachte Reaktion einfallen zu lassen.

Auch hier konnte ich erst mal schriftlich üben. Mit der Zeit fielen mir immer schneller gute Argumente ein. Und Schritt für Schritt konnte ich sie auch ins “gesprochene Leben” übertragen.

4. Ich bin kritikfähiger geworden

Kritik ist für uns Stille und Sensible ein großes Thema. Viele sind da sehr empfindlich, so auch ich. Ich konnte früher mit Kritik überhaupt nicht umgehen, habe mich immer sofort minderwertig oder angegriffen gefühlt und bin manchmal sogar wütend geworden.

Kritisiert zu werden, ist nie schön, aber ich habe gelernt, zwischen konstruktiver und nicht konstruktiver Kritik zu unterscheiden. Erstere nehme ich mittlerweile dankend an, weil sie mir hilft, meine eigenen Fähigkeiten zu verbessern oder Aussagen von mir noch einmal zu reflektieren und aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Außerdem habe ich Wege gefunden, wie ich mit Kritik umgehen kann, auch wenn sie mich erst mal hart trifft.

Habe ich beispielsweise einen negativen Kommentar oder eine unfreundliche E-Mail bekommen, so gehe ich erst mal weg vom PC und lasse etwas Zeit verstreichen, in der ich meine aufgewühlten Emotionen beruhige und mir genauestens überlege, wie ich darauf reagieren kann. Spontan auf Kritik zu reagieren, ist nämlich meist keine so gute Idee.

Wird Kritik hingegen im “echten” Leben geäußert, nehme ich sie auch erst einmal in mich auf, denke kurz darüber nach und antworte dann ruhig und gefasst.

Bei konstruktiver Kritik stelle ich häufig noch Fragen dazu, wie ich es in Zukunft besser machen kann. Ich möchte meinem Gegenüber damit zeigen: “Ich habe deine Kritik gehört, schätze deine Ehrlichkeit und möchte daraus lernen.”

Mit der Zeit und stetig

Ich möchte mich mit diesem Artikel nicht so darstellen, als sei ich von einer Sozialphobikerin zu einer Superheldin geworden. So einen krassen Wandel habe ich nicht vollzogen.

Aber das ist auch nicht nötig.

Wichtig ist nur die Erkenntnis: Wir können alle mutig sein. Die Entscheidung DAFÜR treffen, obwohl wir Angst haben.

Und das Schreiben kann uns auf diesem Weg unterstützen. Nicht von heute auf morgen und auch nicht von null auf hundert. Aber mit der Zeit und stetig.

Zitat als Bild: "Wir können alle mutig sein. Die Entscheidung DAFÜR treffen, obwohl wir Angst haben." Mim Gaisser

Kurzbiografie

Portrait von Mim Gaisser, eine eher kunge Person mit kurzen, dunkelbraunen Haaren und einem blauen T-Shirt.Mim Gaisser wuchs in dem Glauben auf, dass ihre stille und sensible Natur ein Makel sei, den sie ablegen müsse, wenn sie im Leben bestehen wolle.

Erst im jungen Erwachsenenalter erkannte sie, dass es weder eine Schwäche noch ein Verbrechen ist, introvertiert und hochsensibel zu sein und dass wir uns so annehmen dürfen, wie wir sind.

Seit April 2021 setzt sie sich mit ihrem Projekt still & sensibel für Introvertierte und Hochsensible ein und zeigt ihnen zudem, wie sie das Schreiben dafür einsetzen können, mutiger zu werden und sich selbst lieben zu lernen.

Die Bloggerin und Autorin lebt in der Nähe von Stuttgart.

Du bist neugierig geworden?

Mehr über Mim und das Schreiben findest du auf Mims Website, https://stillundsensibel.de. Außerdem kannst du ihre Arbeit auf Social Media verfolgen:

Instagram: https://www.instagram.com/stillundsensibel/
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/mim-gaisser/
Bluesky: https://bsky.app/profile/stillundsensibel.bsky.social

Mims Empfehlung zum Weiterlesen:

Schreiben für Introvertierte: https://stillundsensibel.de/2023/02/24/schreiben-fuer-introvertierte-nimm-dein-leben-in-die-hand/

10 Gründe, warum Introvertierte bloggen sollten: https://stillundsensibel.de/2022/03/18/10-gruende-warum-introvertierte-bloggen-sollten/

Für mich als Kommunikationspädagogin ist Mims Perspektive auf Schreiben und Sprechen total spannend. Ich bin nämlich der Meinung, dass sich die beiden wunderbar ergänzen! So wie Mim und ich 😉.

Deshalb freue ich mich umso mehr über diesen Gastartikel. Danke Mim, für das mutige Teilen deiner Gedanken!

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