Am 8. März 2026 gab es einen Haufen interessanter Veranstaltungen in Münster. Die Gleichstellungsbeauftrage hatte ein ganzes Heft herausgegeben, mit allen Angeboten rund um den Weltfrauentag oder, wie ich lieber sage: den internationalen feministischen Kampftag.
Ich gab am Morgen noch eine Stimmeinheit bei Cactus Junges Theater und merkte schon: Ich brauche heute Ruhe und Rückzug. Und ja, als Introvertierte werde ich immer besser darin, dieses Bedürfnis ernst zu nehmen. Also kein Frauenfrühstück, Frauen-Aikido-Training oder Secondhandkleidermarkt, sondern: erstmal nach Hause. Da dauerte es nicht lange und ich hatte mich in eine Recherche vertieft 🙂
Von der Komponistin Pauline Oliveros hatte ich im letzten Jahr schon einmal gehört. In einer Lyrikperformance gab es am Ende eine Stimm-Improvisation mit dem Publikum. Die Performerin erzählte, diese „Meditation“ mit dem Titel „Teach Yourself to Fly“ sei von Pauline Oliveros und es gebe noch mehr davon. Seitdem ruhte dieser Name in meinem Hinterkopfstauraum und wartete. Bei der Probe hatte ich daran gedacht und jetzt war der Moment gekommen.
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Wer war Pauline Oliveros?
Pauline Oliveros war Musikerin, ihr Instrument war das Akkordeon, und sie war Komponistin. 1932 wurde sie in Houston, Texas geboren. Ihre Mutter spielte Klavier in einer Tanzschule und Pauline hörte zu, aber nicht nur dem Klavierspiel. Sie hörte allem zu: den Insekten, Vögeln, Autos, den Stimmen im Radio und dem Rauschen und Fiepen zwischen den Sendern. Das Hören war ihr Sinn, um die Welt zu erleben.
Mit 20 geht Pauline nach San Francisco, wo sie als lesbische Frau freier leben kann. Sie kauft sich ein erstes Aufnahmegerät, stellt sich ans Fenster und nimmt die Geräusche in ihrer Umgebung auf. Aber auf der Aufnahme entdeckt sie Geräusche, die ihr vorher entgangen waren. Hat sie nicht genau hingehört? Jetzt macht sie das Zuhören zum Prinzip ihrer künstlerischen Erforschung:
Listen to everything, all the time, and remind yourself when you are not listening.
Hör allen Dingen zu, die ganze Zeit, und erinnere dich, wenn du nicht zuhörst.
Pauline Oliveros (gehört im Film: Deep Listening. The story of Pauline Oliveros)
Sie besucht einen Kurs in Komposition, als einzige Frau. Die männlichen Kollegen verlassen anfangs den Raum, wenn sie dem Lehrer ihre Musik zeigt. Sie ist aber fest entschlossen und begegnet nicht nur allen möglichen Vorurteilen, sondern auch ihrem späteren Mentor Robert Erikson und Kollegen, die mit ihr auf einer Wellenlänge sind: offen, kreativ, mit großer Lust auf gemeinsame Improvisationen und musikalische Experimente. Sie knüpft künstlerische Freundschaften. Und: Ihre Kompositionen werden auf Festivals gespielt und mit Preisen ausgezeichnet.
In ihrer Badewanne baut sie sich einen Apparat, um elektronische Musik zu erzeugen – aus einer Kiste mit Kämmen und anderen Gegenständen drauf und einem Mikrofon, das die Schwingung der Kiste abnimmt. Später wird sie Mitbegründerin des San Francisco Tape Music Center.

1967 zieht Oliveros nach San Diego, wo sie eine Stelle als Dozentin am Center for Music Experiment der Universität San Diego übernimmt. Es ist die Zeit des Vietnamkriegs, der in den USA heftig diskutiert wird. San Diego ist eine Militärstadt und die Universität ein Zentrum der Kriegsgegner*innen. Die Gesellschaft ist polarisiert. Es gibt Proteste, Morddrohungen, Wut und Angst auf beiden Seiten, und dahinter die Realität des Krieges.
Pauline holt in dieser Situation ihr Akkordeon wieder hervor. Sie improvisiert mit einem einzelnen, lange gehaltenen Ton, den sie spielt und singt. Sie lässt sich ganz darauf ein und bemerkt die feinen Veränderungen im Timbre dieses Tons. Und sie fängt an, sich selbst zu beobachten:
„What happens mentally? What happens physically?“
„Was passiert mental? Was passiert körperlich?“
Pauline Oliveros in „Deep Listening. The Story of Pauline Oliveros“
Die Improvisationen haben eine beruhigende, wohltuende Wirkung. Pauline beginnt, auch ihre Erfahrungen aus dem Tai Chi, das sie zeitgleich lernt, auf diese Arbeit zu übertragen. Und sie versammelt eine Gruppe um sich: Studentinnen, Kolleginnen und auch ein paar Nicht-Musikerinnen bilden das ♀-Ensemble, das sich bei Pauline zu Hause trifft und gemeinsam improvisiert. Pauline sagt später in einem Interview:
„I decided it would be good to have women only for a while. They had been held down, musically, so long.“
„Ich beschloss, dass es gut wäre, eine Zeit lang nur mit Frauen zu arbeiten. Sie waren so lange musikalisch klein gehalten worden.“
Pauline Oliveros, zitiert nach Kerry O‘ Brian: „Listening as Activism. The Sonic Meditations of Pauline Oliveros“.

Ihr Interesse verschiebt sich in dieser Zeit:
- weg von der Komposition, wie sie die Musiktradition bis dahin versteht, vom Schreiben einer Musik, die dann von Profi-Musiker*innen umgesetzt wird
- hin zu einem partizipativen Prozess, bei dem sie Menschen anleitet, gemeinsam Musik zu erzeugen. Diese Menschen müssen keine Profi-Musiker*innen sein. Sie müssen sich nur auf die Aufgabe einlassen.
Was sind die „Sonic Meditations“?
Aus dieser Verschiebung entstehen die „Sonic Meditations“. Es sind schriftliche Anleitungen, um gemeinsam in einer Gruppe mit Klang zu experimentieren. Sie geben eine grobe Struktur vor und stellen den Beteiligten eine Aufgabe. Mal mit Atem und Stimme, mal mit Bewegung, mal mit Worten oder Vorstellungsbildern – und immer bringen sie die Mitglieder der Gruppe in diesem gemeinsamen Prozess in Verbindung.

In ihrer Einführung zu den „Sonic Meditations“ beschreibt Pauline Oliveros, wie sich diese Arbeit auf die beteiligten Menschen auswirkt:
„With continuous work some of the following becomes possible with Sonic Meditations: heightened states of awarenes or expanded consciousness, changes in physiology and psychology from known and unknown tensions to relaxations which gradually become permanent. These changes may represent a tuning of mind and body. The group may develop positive energy which can influence others who are less experienced. Members of the group may achieve greater awareness and sensitivity to each other. Music is a welcome byproduct of this activity.„
„Mit kontinuierlicher Arbeit können die folgenden Dinge durch die „Sonic Meditations“ möglich werden: gesteigerte Bewusstheit oder erweitertes Bewusstsein, Veränderungen in Körper und Geist, von bekannten und unbekannten Spannungen hin zu Entspannung, die immer mehr verankert wird. Diese Veränderungen könnte man als „Stimmen“ von Körper und Geist beschreiben. Die Gruppe kann positive Energie entwickeln, die andere, weniger Erfahrene, beeinflussen kann. Mitglieder der Gruppe können eine größere Bewusstheit und Sensibilität füreinander entwickeln. Musik ist ein willkommenes Nebenprodukt dieses Tuns.“
Pauline Oliveros, Sonic Meditations. PoPandMoM Publications 2022, in meiner eigenen, unvollkommenen Übersetzung.
Hier wird deutlich, dass sich nicht nur die Art der Arbeit, sondern auch die Zielsetzung verschoben hat. Noch wichtiger als die Musik ist, wie sie entsteht: aus dem gemeinsamen, wachen, offenen Zuhören und Klingen in einer Gruppe, in die sich alle einbringen können, egal, ob sie eine musikalische Ausbildung haben, oder nicht.
Es ist eine prozessorientierte, somatische und politische Arbeit.
Es ist Paulines Antwort auf die historische Situation – die Kriegsmentalität und das Leiden, das damit einhergeht.
Es ist eine Einladung, zuzuhören und im Zuhören Ruhe, Präsenz und Verbindung zu finden.

Pauline Oliveros und das Zuhören
Für Pauline Oliveros ist das Zuhören der Mittelpunkt ihrer ganzen künstlerischen Arbeit. Ausgehend von den „Sonic Meditations“ entwickelt sie eine Methode, die sie „Deep Listening“ nennt. Das Zuhören wird hier als bewusste Aktivität verstanden, die sich sowohl auf äußere Klänge beziehen kann als auch auf Klänge und Geräusche im Körper und auf Gedanken, innere Bilder oder Träume.
Für Künstler*innen ist diese Arbeit ein Weg zu größerer Präsenz, Offenheit und Bewusstheit. Das hilft der künstlerischen Kommunikation – zwischen den Mitgliedern eines Ensembles auf der Bühne, zwischen Künstler*innen und Publikum ja sogar zwischen einer Künstler*in und der Welt, den Themen oder dem Material ihrer Kunst. Es ist ein intuitiver, körperbetonter Zugang zur Kreativität.
Ich glaube aber, das Pauline Oliveros damit nicht nur die Kunst vor Augen hatte. Nein, die Betonung der Wahrnehmung, der körperlichen Intuition und des Zuhörens ist etwas, was die zwischenmenschliche Kommunikation insgesamt verändern kann. Das finde ich so spannend, und deshalb freue ich mich, dass mich meine Intuition – ausgerechnet am 8. März 2026 – zu Pauline Oliveros geführt hat.





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