Mit dieser Übung lässt du Körper und Atem weit werden. Sie wärmt die Stimme auf und kann helfen, in Ruhe und Konzentration zu kommen.
Aber das Beste ist, sie nutzt ein Vorstellungsbild, das wir jetzt gerade gut gebrauchen können: die dunklen, tiefhängenden Februar-Wolken wegschieben, damit die Sonne herauskommen kann.
So geht das Wolken-Wegschieben
Hier führe ich dich Schritt für Schritt durch die Übung. Wenn du erst wissen willst, was das Wolken-Wegschieben genau bewirkt, spring einfach hier unten hin.
Das Bild
Stell dir vor: Über dir sind Wolken. Vielleicht ist es eine richtig februarmäßige, dunkelgraue, nasse Wolkendecke. Vielleicht sind es eher fluffige weiße Wölkchen. Du entscheidest.
Mit „über dir“ meine ich nicht irgendwo weit oben, am Himmel, sondern ganz in deiner Nähe. Im selben Raum. Vielleicht sind sie direkt über deinem Kopf, vielleicht schweben sie sogar vor deinen Augen.
Die Bewegung
Schau dir die Wolken an, und dann streck einfach deine beiden Hände aus und schiebe sie auseinander. Dahinter kommt blauer Himmel zum Vorschein. Und auch die Landschaft (oder der Raum) vor dir erscheint plötzlich in einem wärmeren, helleren Licht.
Beim Hände-Ausstrecken und Wolken-Wegschieben kannst du auf ein paar Dinge achten:
- lass die Schultern locker, zwischen Schultern und Ohren ist Raum
- die Hände dürfen kraftvoll sein und die Finger haben etwas Spannung
- Stell dir vor: Die Wolken leisten keinen Widerstand, sie lassen sich ganz einfach wegschieben. Dann ist die Bewegung klar und entschieden, aber nicht anstrengend.
- Achte gut auf deinen Nacken. Wenn das Hochschauen anstrengend ist, stell dir die Wolken tiefer vor, sodass du geradeaus gucken kannst.
- Mach Pausen, sobald es an irgendeiner Stelle anstrengend wird. Das ist keine Kraft- oder Ausdauerübung.
Das machen wir jetzt eine ganze Weile so. Schau, dass du nicht mechanisch wirst, sondern lass die Bewegung immer wieder neu entstehen. Die Vorstellung kann dich dabei unterstützen, denn hier hast du Freiraum: Mal eine große Wolke, mal eine kleine, mal eine tiefhängende, mal eine hohe etc.
Und wenn du merken solltest, dass dich das Vorstellungsbild eher anstrengt, ist es natürlich auch möglich, dich mehr auf das Spüren der Bewegung, des Atems und der Töne zu konzentrieren.
Der Atem
Vielleicht hast du beim Nach-Oben-Strecken intuitiv eingeatmet. Vielleicht auch aus. Für diese Übung empfehle ich dir, beim Strecken einzuatmen.
Mach jetzt einige Wiederholungen und achte darauf, dass Atem und Bewegung einen gemeinsamen Rhythmus finden. Die Bewegung passt sich dabei den Bedürfnissen des Atems an.
Wenn du eine Wolke weggeschoben hast und die Arme wieder am Körper herunterhängen, darf es einen Moment der Entspannung geben. Diese kleine Pause folgt auf das Ausatmen und kann unterschiedlich lang sein. Warte einfach ab, bis du einen neuen Impuls zum Einatmen spürst.
Die Stimme
Hast du deinen Rhythmus gefunden? Fühlt sich die Übung gut an? Dann mach den Ausatem hörbar, indem du auf ein stimmloses f ausatmest. Nach ein paar f kannst du weitergehen, zum stimmlosen s (wie in Fuß).
Nach einer Weile kannst du die stimmlosen Laute dann durch w (wie in „Wonne“) und stimmhaftes s (wie in „Sonne“) ersetzen. Jetzt ist auch die Stimme mit dabei!
Zum Schluss sprichst du anstelle des w einfach das Wort „Wonne“ und anstelle des s das Wort „Sonne“. Und zwar immer wieder, so oft wie es dir bequem auf einem Atemzug möglich ist. Wie viele „Sonne“ oder „Wonne“ du schaffst, ist dabei vollkommen egal. Denk es dir eher so, als würdest du das, was du da machst, benennen. Du machst, dass die Sonne scheint. ☀️
Woher kommt das Wolken-Wegschieben?
Diesen Übungsablauf habe ich schon bei verschiedenen Sprecherzieher*innen aus verschiedenen Richtungen gesehen. Ich kenne ihn vor allem aus der Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen. Dort habe ich ihn allerdings ohne Vorstellungsbild kennengelernt. Für das Bild vom Wolken-Wegschieben danke ich meiner Kollegin Marit Fiedler von der Hochschule für Musik und Theater in Rostock.
Außerdem gibt es eine ähnliche Übung im Tai Chi und Qi Gong. Ich habe es zuerst von Teilnehmerinnen in meinen Workshops gehört. Inzwischen habe ich die Qi Gong Variante auch kennengelernt 🙂 Wenn dir die Übung aus diesem Kontext vertraut ist, erforsche doch mal, was passiert, wenn du sie in deiner gewohnten Weise machst – aber mit f, s und w, oder mit „Sonne“ und „Wonne“.
Das bewirkt das Wolken-Wegschieben
Beim Wolkenschieben finden Prozesse auf mehreren Ebenen statt, die die Stimmfunktion positiv beeinflussen:
- Die Aufrichtung wird verbessert.
- Der Atem wird tief und ruhig.
- Die Atemstütze wird trainiert und der Stimmklang verbessert.
- Die Artikulation der Zischlaute wird trainiert und die Zunge wird schon etwas mit aufgewärmt.
- Auch die Stimme bekommt ein sanftes Warm-Up.
- Die Vorstellung einer schönen, sonnigen Landschaft macht vielleicht ein Wohlgefühl. Wohlgefühl ist IMMER gut für die Stimme!
Das Wolkenschieben ist also ein Rundum-Talent! Du kannst es kurz machen, z. B. 3x nur atmen, 3x stimmlose Laute, 3x stimmhafte Laute, 3x Wonne/Sonne. Oder du nimmst dir Zeit und erforschst jeden Schritt ganz in Ruhe.
Es gibt auch noch verschiedene Variationen der Übung – mit anderen Lauten, Bildern oder Bewegungen. Für den Anfang hast du mit dem Wolkenschieben aber schon eine vielseitige und sehr kraftvolle Übung. Verwende sie gerne in deiner Stimmroutine oder in deinem Aufwärmprogramm. Achte dabei immer gut auf dich und auf deine Stimme: Was sich leicht, locker und wohlig anfühlt, ist meistens richtig.
Übrigens: In meinen Stimmworkshops kannst du live und in Farbe mit mir an der Stimme arbeiten. Schau gerne mal vorbei, ich freue mich!





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