Was Du von einem Erdmännchen über Deine Körperhaltung lernen kannst

von | Apr 3, 2023 | Stimme | 0 Kommentare

Ich möchte Dir einen Tipp verraten, der meine eigene Haltung enorm verbessert hat. Es ist ein Vorstellungsbild, das mir hilft, mich aufzurichten. Das Stehen wird dadurch müheloser, und meine Körperhaltung bietet eine gute Ausgangsbasis für Stimme und Kommunikation.

Wenn Du jetzt denkst: „Hä? Was hat denn meine Haltung mit Kommunikation zu tun?“, dann kannst Du ruhig weiterlesen. Ich gehe unten auf den Zusammenhang ein. Aber zuallererst möchte ich Dir beschreiben, was die Erdmännchen uns voraus haben.

Was können Erdmännchen, was wir Menschen nicht können?

Erdmännchen sind ja eigentlich Vierbeiner. Sieht man sie laufen, erkennt man nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und uns.

Anders sieht es aus, wenn sie sich aufrichten und Ausschau halten. Dabei stehen sie auf ihren kräftigen Hinterbeinen, die Vorderpfoten hängen ganz locker vor der Brust, während sie den Blick in die Weite richten.

Diese Haltung wirkt schon ein ganzes Stück menschlicher. Aber im Gegensatz zu uns haben sie einen entscheidenden Vorteil: den langen, kräftigen Schwanz nutzen sie als Stütze. Er gibt ihnen Stabilität und hilft, die Wirbelsäule in der Senkrechten auszurichten.

Ein Erdmännchen in aufrechter Haltung. Es streckt die Nase nach oben und schnuppert.

Das Erdmännchen streckt sich so weit, wie es kann, nach oben. Mit dem Schwanz sorgt es für einen sicheren Stand auf dem Boden. Foto: Wolfgang Hasselmann.

Wir Menschen haben dieses Organ nicht (mehr), und so kommt es, dass unser Po im Stehen gerne mal nach hinten wandert. Wir sind im Hohlkreuz. Dadurch wird die Wirbelsäule stärker gekrümmt. Die unteren Wirbel schieben sich weiter nach vorne, die oberen gleichen das aus und weichen nach hinten. Oft rollen dann noch die Schultern etwas nach vorne und der Kopf schiebt sich (wie bei einer Schildkröte) nach vorne.

Der fehlende Erdmännchenschwanz hat also weitreichende Konsequenzen. Er lässt uns „einrollen“ und kann zu unangenehmen Spannungen im Rücken, in den Schultern oder den Füßen führen. Atem und Stimme können sich aus der „eingerollten“ Haltung heraus nicht frei entfalten, und es ist schwer, damit offen und präsent in die Kommunikation zu gehen.

Zwei Erdmännchen in entspannter Haltung auf einem Stein.

Diese beiden sitzen ganz relaxt auf ihren Hinterläufen. Den Schwanz haben sie am Boden abgelegt. Auch in dieser Haltung wirken Sie noch erstaunlich aufrecht. Foto: Loris Oberlander.

Wie kann ich das für meine Körperhaltung nutzen?

Wir Menschen haben Tieren gegenüber viele körperliche Schwächen, aber wir haben auch eine Stärke: eine lebendige Vorstellungskraft, die von unserem Gehirn erstaunlich ernst genommen wird.

Ob wir etwas tun, oder ob wir uns vorstellen, etwas zu tun – beides löst ähnliche Reaktionen in uns aus. Sportler nutzen das für ihr mentales Training. Und wir können es nutzen, indem wir uns den Erdmännchenschwanz einfach vorstellen. Klingt komisch? Funktioniert aber!

Ich stelle mich also hin, verteile das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine und stehe so locker und aufrecht, wie ich es gerade kann. Dann stelle ich mir vor, ich hätte so einen schönen, kräftigen Erdmännchenschwanz. Den lege ich hinter mir auf dem Boden ab.

Ein Erdmännchen. Es sitzt aufrecht und schaut direkt in die Kamera.

Auch dieses Erdmännchen sitzt auf den Hinterläufen. Der Schwanz liegt lang auf dem Boden und der restliche Körper ist ganz aufrecht. Foto: Manuel Capellari.

Wie verändert sich meine Haltung dadurch?

Hier beschreibe ich Dir, welche Veränderungen ich bei dieser Übung an mir selbst bemerke. Es kann sein, dass es bei Dir etwas anders ist. Vielleicht merkst Du manchen Veränderungen sehr deutlich und andere nicht. Das ist normal, denn wir haben unsere ganz eigenen Haltungsgewohnheiten als Ausgangsbasis.

Das tut sich bei mir in der Erdmännchen-Haltung:

  • Mein Becken vollführt eine Kipp-Bewegung. Der vordere Teil kippt nach oben, der hintere nach unten.
  • Dadurch wird mein unterer Rücken lang und das Hohlkreuz verschwindet.
  • Mein Gewicht verteilt sich gleichmäßiger auf den Füßen.
  • Die Spannung in den Beinen lässt nach.
  • Mein oberer Rücken richtet sich auf. Das fühlt sich für mich wirklich wie ein „aufrollen“ an.
  • Meine Schultern können plötzlich locker nach unten fallen.
  • Mein Kopf, der vorher nach vorne geschoben war, wandert zurück in seine natürliche Position. Er balanciert dann oben auf meiner Wirbelsäule und fühlt sich leicht an.
  • Becken, Brust und Kopf haben sich in einer Linie übereinander ausgerichtet.
  • Oft hebe ich auch den Blick und schaue mit einem entspannten, offenen Ausdruck nach vorne.
  • Ich fühle mich wacher, irgendwie erfrischt und optimistisch.

Ich mache die Übung gerne im Wort & Stimme Training, und die Rückmeldungen, die ich dazu von meinen Kund*innen bekomme, sind durchweg positiv. Ein Kunde berichtete mir zum Beispiel, dass er freier atmen kann. Andere, dass sie sich geerdet fühlen, oder dass das Stehen einfach etwas müheloser wird.

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Welche Vorteile bietet diese Haltung für Stimme und Kommunikation?

Die Erdmännchen-Haltung wirkt auf verschiedenen Ebenen: körperlich schafft sie eine gute Ausgangslage für Atem und Stimme. Sie beeinflusst aber auch, wie Du Dich fühlst, und wie Du auf andere wirkst.

Mögliche Vorteile auf der körperlichen Ebene:

  • Dein Becken und Deine Wirbelsäule richten sich auf. Dadurch kannst Du Spannungen in Schultern und Rücken loslassen.
  • Deine Rippen können sich freier bewegen und Dein Brustkorb kann sich in allen Richtungen ausdehnen. Dadurch kann Dein Atem frei und ungehindert fließen.
  • Dein Zwerchfell wird aktiviert. Es verleiht Atem und Stimme Kraft.
  • Das Sprechen fühlt sich leichter und müheloser an. Du ermüdest nicht so schnell.
  • Deine Stimme bekommt mehr Resonanz, sie wird klangvoller.
  • Durch das Loslassen unnötiger Spannungen kannst Du leichter in den Ausdruck gehen. Mimik, Körper und Stimme haben es jetzt leichter, auszudrücken, was Dich im Inneren bewegt.
  • Deine Haltung ist zugleich locker und gespannt. So hast Du es auch leicht, in die Aktion zu kommen: eine Geste, ein Gang, etwas sagen oder fragen. Du bist bereit.

Mögliche Wirkungen auf Dein Inneres:

  • Die Erdmännchen-Haltung ermöglicht einen guten Bodenkontakt. Durch das Gefühl von Standfestigkeit und Erdung kannst Du Sicherheit gewinnen.
  • Die Haltung läd dazu ein, den Blick zu heben. Du bekommst mehr von Deiner Umgebung mit. Möglicherweise fühlst Du Dich auch offener. Es fällt Die leichter, Blickkontakt aufzunehmen.
  • Die lockere Aufrichtung im Körper kann Deine Stimmung positiv beeinflussen. Innere und äußere Haltung gehen Hand in Hand.
  • Die Erdmännchen-Haltung erleichtert Präsenz und Kontakt.

Mögliche Wirkungen auf Andere:

  • Die aufrechte Haltung, der gehobene Blick und der sichere Stand können sehr selbstbewusst wirken.
  • Gleichzeitig kann es sein, dass Du offener wirkst. Es wird auch für Dein Gegenüber leichter, Dich zu sehen und zu Dir Kontakt aufzunehmen.
  • Deine Präsenz wird gesteigert. Du wirkst bereit. Wer Dir begegnet, ist gespannt, was Du als nächstes machen wirst 🙂

Wie komme ich auf das Erdmännchen-Bild?

Den Tipp, mir ein Erdmännchen vorzustellen, habe ich von meiner Osteopathin. Ich habe schon von Kindheit an ein Hohlkreuz, und in den letzten Jahren taten mir im Stehen zunehmend die Füße weh. Überhaupt fiel es mir schwer, längere Zeit ohne Anstrengung zu stehen. Ich war also auf der Suche danach, wie mein Stand wieder lockerer, flexibler und freier werden könnte.

Den Tipp gab sie mir am Ende der Behandlung als zusätzliche Hilfestellung. Als ich es das erste Mal probierte, war ich hin und weg: mein Becken kippte mühelos in eine aufrechte Position, mein oberer Rücken rollte sich auf und meine Schultern fielen locker nach unten. Es fühlte sich toll an. Seitdem habe ich die Übung in meine Stimm- und Sprechtrainings integriert. Auch wenn ich Yoga mache, nehme ich mir immer wieder einen Moment, um mich mithilfe des Erdmännchen-Bildes aufzurichten.

Vier Erdmännchen in verschiedenen Haltungen, von oben betrachtet. Eines streckt sich der Kamera entgegen und stützt sich mit dem Schwanz am Boden ab. Eines sitzt aufrecht, den Schwanz am Boden abgelegt. Die andere sind auf allen vieren, am Boden beschäfitgt.

Erdmännchen in verschiedenen Aufrichtungs-Graden. Foto: JD Designs.

Vor kurzem bin ich dem Thema Becken-Aufrichtung dann aufs Neue begegnet. Ich habe an einem Vortrag und einem Online-Kurs zum Thema Präsenz bei Elma Esrig teilgenommen. Für Elma ist die Kipp-Bewegung, die das Becken auch bei der Erdmännchen-Haltung vollführt, DIE körperliche Voraussetzung für Präsenz. Diesen Zusammenhang fand ich extrem spannend. Bisher hatte ich die Übung auf der rein körperlichen Ebene reflektiert. Jetzt wurde mir klar, dass sie auch auf Kommunikation und Kontakt eine starke Wirkung entfalten kann.

Ich werde sie weiterhin anwenden und ihre Wirkungen untersuchen. Schreib mir gerne, wenn Du Deine eigenen Erfahrungen oder Fragen mit mir teilen möchtest. Und wenn Dich die Themen Präsenz und Führung näher interessieren, dann schau gerne bei Elma vorbei, oder melde Dich für ihren Newsletter, den sie „BeLetter“ nennt, an.

Funktioniert das auch mit anderen Tieren?

„Ok,“ sagst Du vielleicht. „Das klingt ja alles ganz toll. Aber ich mag einfach keine Erdmännchen!“ Dann habe ich eine Idee, wie Du die Übung an Deine Bedürfnisse anpassen kannst. Es gibt nämlich noch mehr Tiere, die uns dabei unterstützen können, in eine aufrechte Haltung zu kommen.

Känguru

Känguruhs haben zum Beispiel einen sehr kräftigen Schwanz, auf den sie sich im Stehen abstützen. Ihre Haltung ist nicht ganz so gerade nach oben gestreckt wie die der Erdmännchen, aber ich finde, der aufmerksame Blick und die nach vorne gerichteten Ohren sprechen für sich. In meinen Augen wirken sie ausgesprochen selbstbewusst.

Zehn Kängurus auf einer Wiese, unter Bäumen.

Eine Gruppe Kängurus. Sie schauen den Menschen, der sie fotografiert, direkt an. Interessant finde ich, dass jedes der Tiere eine etwas andere Haltung zeigt. Foto: James Wainscoat.

Katze oder Dino

Auch die Vorstellung eines sitzenden Tiers kann helfen. Wie wäre es mit einer Katze, die sich hinsetzt und ihren Schwanz um den Körper ringelt? Oder einem Dino-Tier, das sich einfach auf seinen Schwanz draufsetzt – auf dieses Bild hat mich Elma gebracht 🙂

Eine Katze sitzt auf einer Mauer. Ihren Schwanz hat sie eng um den Körper geringelt.

Nicht so gestreckt wie das Erdmännchen, und nicht so dominant wie das Känguruh, aber doch aufrecht, mit einem direkten, intensiven Blick. Welche tierische Präsenz gefällt Dir am Besten? Foto: Chandler Cruttenden.

Feine Unterschiede und Pausen

Wenn Du mit der Erdmännchen-Übung vertraut bist, probier doch mal aus, was es für einen Unterschied macht, wenn Du Dir zur Abwechslung eine Katze oder ein Känguruh vorstellst. Ist die Haltung, die dabei entsteht, eine andere? Fühlst Du Dich anders oder bemerkst Du andere, subtile Unterschiede? Solche Forschungen können auch Dein Körpergefühl nochmal sehr unterstützen. Das ist sozusagen die Profi-Variante 😉

Wichtig ist aber auch, dass Du Dir immer wieder Pausen gönnst, in denen Du nicht über Deine Haltung nachdenkst. Nimm diesen kleinen Tool-Tipp eher locker und spielerisch. Stell Dir das Tier Deiner Wahl immer wieder mal vor, und schau, was sich tut. An manchen Tagen ist es vielleicht total faszinierend und an anderen passiert gar nichts, oder Du empfindest die Übung als anstrengend. Das ist ok. Ist bei mir genauso 🙂 Sei dann geduldig mit Dir, und registriere einfach, wie es gerade ist.

Schreib mir gerne Deine Gedanken dazu – ich freue mich immer über Austausch.

Alles Liebe
Deine Paula

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