Meine 6 wichtigsten Erkenntnisse aus dem Vasiljev-Training

Jan. 7, 2026 | Bühne, Sprechen, Stimme

Das Vasiljev-Training ist ein ganzheitliches Stimm- und Sprechtraining für die Bühne, das von Jurij Vasiljev entwickelt wurde. Ursprünglich richtet es sich an Schauspieler*innen, es ist aber auch für Menschen interessant, die auf sozialen Bühnen stehen und mit ihrer Stimme führen, verbinden und wirken wollen.

Jurij Vasiljev selbst lebt und arbeitet in St. Petersburg, wo er an der Staatlichen Akademie der Bühnenkünste unterrichtet. Er gibt aber auch internationale Workshops mit Übersetzer*innen. Ich habe 2025 zwei ca. 1-wöchige, offene Workshops besucht:

  • „Die handelnde Stimme“ (Kißlegg im Allgäu, Februar 2025)
  • „Dialogisches Handeln – Stimme und Körper des Schauspielers“ (Trstenice, Tschechien, August 2025)

Das waren meine ersten längeren Workshops bei Jurij. Ich sehe mich also nicht als Expertin für seine Methode. Es ist eher so: Sie hat mich ganz anders abgeholt als das, was ich bisher gemacht hatte. Deshalb war für mich ganz schnell klar: ich will mich näher damit beschäftigen.

Hier reflektiere ich meine 6 wichtigsten Erkenntnisse. Vielleicht ist etwas spannendes für dich dabei, vielleicht erkennst du etwas wieder – oder es macht dich ein bisschen neugierig auf die Methode 🙂

In dem Fall könnte auch dieser Artikel interessant sein: 10 Grundprinzipien des Vasiljev-Trainings.

1. Immer schöpferisch handeln

Im Vasiljev-Training gibt es nichts Technisches. Nichts, was sich starr wiederholt und immer gleich aussieht. Sondern: Selbst die kleinste Bewegung ist schöpferisch. 

Beim ersten Workshop haben wir lange mit unseren Händen gearbeitet: die Schwere der Hände spüren. Eine Hand bewegt sich nach oben und fällt wieder herunter. Später kam die Stimme dazu und die Hand wurde kraftvoll, auf verschiedene Arten geführt. Aber selbst beim einfachen Aufsteigen- und Fallenlassen war es wichtig, dass jede Bewegung anders ist als die davor.

Jurij: „Das ist schon schöpferische Arbeit!“

Wir sollten die Hand nicht mechanisch heben, sondern auf den Impuls warten, der aus der Hand kommt. Ich hebe nämlich nicht die Hand. Die Hand hebt mich!

So ist jede Bewegung ein bisschen anders und auch die Rhythmen verändern sich. Und jeder Rhythmus fühlt sich anders an.

Nochmal aus der Schauspiel-Perspektive geguckt, heißt das auch: Es soll nichts Gemachtes geben. Alles muss neu sein und wirklich erlebt. Wenn ich den Impuls nicht spüre, mache ich auch nichts.

2. Warten, bis Energie da ist

Das war ein spannender Gedanke für mich. Denn mit Energie ist im Vasiljev-Training zweierlei gemeint:

  1. Energie im Sinne von Spielenergie, Impuls, Kraft…
  2. Atem = Energie

„Warten, bis Energie da ist“ ist Jurijs Code für „einatmen“. Er sagt nicht „einatmen“, weil er nicht will, dass wir das Einatmen bewusst herbeiführen. Es passiert von allein, unser Körper kann das. Es ist ein Aufnehmen von Welt, ein Vorbereiten auf Handlung, die dann beim Ausatmen passiert.

Und das ist die zweite Umschreibung: „Vorbereitung zum Ausatmen“.

Das fand ich am Anfang richtig ungewohnt. Wieso vermeiden wir ein Wort, das so wichtig ist beim Sprechen? Andererseits… die Überzeugung, dass wir das Einatmen eher geschehen lassen als es bewusst herbeizuführen, teile ich. Das tut dem Sprechen gut, wir klinken uns dann in unseren natürlichen, autonomen Atemrhythmus ein, der Atem wird leiser und die Stimme entspannter.

Beim Üben habe ich gemerkt: Der Gedanke, zu warten bis Energie da ist, gefällt mir! Er führt mich genau da hin, wo ich hinwill: den Atem kommen lassen, wenn er soweit ist, und Handeln, wenn ich bereit bin. Aber dann mit voller Konzentration und Kraft 🙂

3. Kraftvolle Hände

Kraftvolle Hände kommen in vielen von Jurijs Übungen vor. Wie oben beschrieben, übernehmen sie sogar die Führung. Die Vorstellung ist: Nicht ich bewege meine Hände. Meine Hände bewegen mich.

Paula hebt die Hände vor dem Körper und sagt etwas. Im Hintergrund eine Glasscheibe, an der viele Zettel hängen.
Die Hände steigen auf…

Dahinter steht ein spannender Gedanke: Wenn die Hände arbeiten, lassen anderswo Spannungen los. Der ganze Körper organisiert sich in einer Aktion, auf ein Ziel hin. Die Hände sind in dem Moment, so könnte man sagen, der „führende Punkt“.

Nun mache ich von Natur aus gerne raumgreifende Gesten. Dabei ist schon das eine oder andere Glas umgeflogen 😉 Überhaupt arbeite ich gerne mit meinen Händen. Und von daher ist mir dieser Gedanke nahe. Mir gefallen die Übungen gut, wo man sich der Führung der Hände überlässt.

Neu war für mich, dass die Hände auch als Träger von Empfindungen und Vorstellungen wichtig sind. Sie spüren die Luft, die in der Bewegung an ihnen vorbeizieht. Oder das Wasser in meiner Vorstellung. Sie spüren die Schwerkraft. Sie spüren eine Berührung. Die Empfindung, die dabei entsteht, verändert etwas: in meinem Körper, meinem Atem, meiner Stimme.

Außerdem geht Jurij davon aus, dass die Hände mit der Muskulatur der Artikulationswerkzeuge – Lippen, Zunge und Kiefer korrelieren. Die Bewegungen der Hände unterstützen die Feinarbeit der Artikulation.

4. Eine neue Perspektive auf den Kiefer

Dieses indirekte Prinzip greift auch beim Thema Kieferöffnung.

Ein beweglicher Kiefer ist wichtig, um deutlich und resonanzreich sprechen zu können. Die klassische Sprecherziehung kennt dafür viele Übungen – vom Korkensprechen bis zur Kiefermassage. Die meisten setzen direkt am Kiefer an. Sie wirken auf ihn ein, um die Muskulatur, die den Kiefer schließt, locker zu machen.

Wichtiger noch als die kieferöffnenden Muskeln ist dabei die Schwerkraft. Der Kiefer soll aufallen, mit der Schwerkraft, die ihn in der Vertikalen mit nach unten nimmt.

Soweit würde Jurij mitgehen, glaube ich. Aber seine Schlussfolgerung ist eine andere. Er wählt einen indirekten Weg, und zwar über andere Körperstellen, die mit der Kieferpartie verbunden sind. Wir sind beim Grundprinzip „Hand, Knie und Kinn“.

Das Vasiljev-Training geht von folgenden Zusammenhängen aus:

  • Wenn sich die Hand öffnet, tut es der Kiefer auch. Also gibt es immer wieder öffnende Bewegungen der Hände und beim Balltraining wird der Ball oft im gleichen Moment losgelassen, in dem auch der Mund aufgeht.
  • Wenn die Knie locker sind, ist es der Kiefer auch. In den Übungen findet sich oft ein Federn in den Knien, ein Hauch von Fallen, das das Fallen des Unterkiefers unterstützt.
  • Stichwort Fallen: Auch fallende Unterarme werden benutzt, um das Öffnen des Kiefers zu fördern.

Für mich war dabei besonders das Gefühl des Fallenlassens hilfreich. Das konnte ich von den Knien und Armen in meine Kieferpartie übernehmen. Die konkreten körperlichen Verbindungen – Muskel- und Faszienketten – möchte ich gerne noch genauer ergründen. Hier ging die Erklärung nicht so in die Tiefe.

5. Immer wieder in die Vertikale kommen

Hier geht es um eine persönliche Erkenntnis: Bei den Übungen, ganz besonders beim Balltraining, habe ich gemerkt (und wurde darauf hingewiesen), dass ich mich vorbeuge, aus meiner Vertikalen heraus und manchmal vergesse, mich wieder aufzurichten. Das macht dann schnell auch ein unangenehmes Gefühl im unteren Rücken.

Aufrichtung ist für mich gerade eh ein Thema. Ich suche noch nach meiner wirklich freien, lockeren Aufrichtung. Insofern war das ein kleines, aber wichtiges Puzzlestück.

6. Nicht schimpfen, wenn etwas nicht klappt

Das hat Jurij immer wieder betont, und vor allem verkörpert. Etwas nicht hinzukriegen, war in den Workshops kein Drama, im Gegenteil. Es konnte lustig sein oder aufschlussreich. Dabei konnte ausversehen etwas passieren, das richtig gut war (zum Beispiel die Töne, die jemand macht, wenn der Ball abhaut). Oder es war einfach egal.

Normal, dass man etwas nicht kann, bevor man es kann. Normal auch, dass es nicht jedes mal gleich klappt. Jedes Mal ist neu, und jedesmal kann man neue Fehler machen 😉

Diese Haltung hat mich unheimlich entspannt. Ich hatte die Erlaubnis, Fehler zu machen und das habe ich auch ausgiebig genutzt! Die Momente, wo es klappte, kamen dann auch. Ab und zu merkte ich, dass meine Stimme frei wurde, dass körperliche Aktion und Stimme zusammenkamen. Oder dass der Ball tatsächlich in meiner Hand landete!

Bis dahin gilt: Weich bleiben, alles nicht so ernst nehmen und weiter probieren.

Paula und eine Schülerin lachen zusammen.
Humor uns Spaß gehören auch dazu!

Fazit: Ich will mehr!

Am Ende der Workshops fühlte ich mich entspannter, beweglicher und weniger verkopft. Mein Atem war freier und an Stellen spürbar, an die er sonst nicht rankommt. Ich habe eine neue Freiheit in meiner Stimme erlebt: laut, kraftvoll und groß, ohne Vorsicht oder Angst.

Deshalb steht für mich fest: Mit dem Vasiljev-Training will ich mich weiter beschäftigen. Es fließt in meine Trainings und in meine persönliche Praxis ein und ich freue mich darauf, diese Herangehensweise weiter zu ergründen und zu reflektieren.

Literatur

Noch ein Hinweis zu meinen Quellen: Im Artikel beziehe ich mich vor allem auf meine Erfahrungen und Notizen aus den beiden Workshops.

Es gibt aber zwei Bücher von Jurij Vasiljev auf Deutsch. Als Ergänzung zum praktischen Training kann ich sie empfehlen, sie enthalten vor allem Übungen. Zum Nachlesen der Theorie sind sie in meinen Augen nicht so geeignet. Dafür muss ich dann wohl russisch lernen… 😉

Ich führe sie dir trotzdem auf:

  • Imagination, Bewegung, Stimme. Variationen für ein Training. Urban Verlag 2008.
  • E (Stimme) = m (Bewegung) x V (Atem). Training für Stimmenergie und Kommunikation. Urban Verlag 2002.
Hi, ich bin Paula.

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Als Sprechtrainerin für Bühne, Business & Studio arbeite ich mit Menschen, die richtig gut sprechen wollen. Ich stehe mit Lesungen auf der Bühne und bin Sprecherin für Hörbücher & mehr.

Willst du mehr über mich erfahren?

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