Den Begriff „Kadenz“ gibt es in vielen Bereichen – in der Musik, beim Dressurreiten oder in der Elektrotechnik. Beim Sprechen beschreibt er die Sprechmelodie am Ende einer Äußerung. Konkret: gehe ich mit der Stimme hoch, runter oder bleibe ich in der Schwebe.
Mit diesem Gestaltungsmittel strukturieren wir die gesprochenen Gedanken. Wir geben Orientierung und wir sagen den Hörer*innen etwas über unsere Haltung.
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Die fallende Kadenz
Fallende Kadenz heißt, die Stimme fällt. Sie bewegt sich am Ende eines Sprechbogens nach unten.
Hören wir das, wissen wir sofort: Hier endet etwas. Der Gedanke ist abgeschlossen. Ich kann ihn auch als Hörerin abschließen und in mein inneres Gedanken-Regal einsortieren. Das ist die strukturierende und orientierende Funktion. Wird sie passend zum Inhalt angewendet, unterstützt sie das Hörverstehen.
Darüberhinaus interpretieren wir fallende Kadenzen auch als „So ist es.“ Wir denken beim Hören, dass die Sprecher*in sich sicher ist. Sie weiß Bescheid über das, was sie da sagt. Deshalb kann sie den Gedanken so klar und eindeutig abschließen – weil da nichts mehr offen ist.
Andere Begriffe für fallende Kadenzen sind Tiefschluss, auf Punkt sprechen oder einen Punkt sprechen.
Die schwebende Kadenz
Bei der schwebenden Kadenz bleibt die Stimme etwa auf derselben Tonhöhe wie vorher. Der hörbare „Punkt“ der fallenden Kadenz bleibt aus.
Als Hörer*innen merken wir an einer schwebenden Kadenz: da kommt noch was. Der Gedanke ist noch nicht abgeschlossen.
Das ist ein wichtiges Mittel, wenn wir in einem Gedanken eine Pause machen, aber nicht wollen, dass die Hörer*innen schon abschalten. So können wir innerhalb von Sätzen strukturieren und den Satz in mehrere, miteinander verbundene Teile zerfallen lassen.
Ein Beispiel (die Kadenzen mache ich durch Pfeile sichtbar):
➡️ schwebende Kadenz
⬇️ fallende Kadenz
„Einerseits finde ich Schnee wunderschön, ➡️
diese Zartheit und Helligkeit ➡️
und das sanfte Rieseln der Flocken, ➡️
andererseits könnte ich verzweifeln, wenn ich morgens mit dem Fahrrad fahren muss ➡️
und nicht weiß, ob ich überhaupt irgendwohin komme.“ ⬇️
Siehst du, was ich meine? Die schwebende Kadenz sagt den Hörer*innen immer wieder: Bleib dran, es geht noch weiter. Die fallende Kadenz am Ende sagt dann: Fertig. Die Hörer*innen können sich kurz entspannen und über das Gehörte nachdenken.
Im Alltag passiert es ab und zu, dass wir schwebende Kadenzen sprechen, obwohl wir schon fertig sind. Das kann verschiedene Effekte haben:
- Hörer*innen verstehen den Gedanken als innerlich offen – nicht im Sinne von „ich bin mir sicher“, sondern im Sinne von „ich denke noch“.
- Hörer*innen warten, dass noch etwas kommt. Es kommt aber nichts.
- Wenn das bei einem längeren Redebeitrag gehäuft vorkommt, wird es für die Hörer*innen schwieriger, dranzubleiben, weil sie die gedankliche Struktur nicht mehr klar heraushören können.
Die steigende Kadenz
Bei einer steigenden Kadenz bewegt sich die Stimme am Ende nach oben. Das ist das Erkennungszeichen für eine Frage. Aber Vorsicht: nicht alle Fragen enden mit einer steigenden Kadenz.
Wenn die Frage auch sprachlich eindeutig zu erkennen ist, müssen wir sie nicht mehr unbedingt stimmlich markieren. Das gilt vor allem für die W-Fragen. Du kannst es mal ausprobieren:
„Wie heißt nochmal deine neue Zahnärztin?“ – funktioniert mit steigender, schwebender oder fallender Kadenz, oder?
„Also bist du zufrieden mit deiner neuen Zahnärztin?“ – hier brauche ich die Stimme, die am Ende nach oben geht. Sonst verstehe ich nicht, dass es eine Frage ist.
Die steigende Kadenz schließt einen Gedanken ab, ebenso wie die fallende. Aber sie macht noch mehr: sie enthält eine Aufforderung an die Hörer*innen, zu antworten.
Steigende Kadenzen werden auch als Hochschlüsse bezeichnet.
Und wenn ich meine Kadenzen gar nicht steuern, geschweige denn hören kann?
Das ist Übungssache! Für den Anfang kannst du es mit meiner Einkaufszettel-Übung probieren:
- Schreibe dir einen Einkaufszettel. Schreibe als Überschrift: „Wir brauchen…“
- Lies den Einkaufszettel vor, und zwar so, wie man Einkaufszettel üblicherweise vorliest, als Aufzählung.
- Dann lies ihn so vor, als würde dir immer nur eine einzige Sache einfallen.
Du kannst hier gerne improvisieren und Wörter drumrum ergänzen, z. B.: „Wir brauchen Mehl. Ach ja, und Eier. Ich glaube wir brauchen auch Zucker. Und Rosinen!“ - Zum Schluss lies ihn so vor, als hätte ihn jemand anders für dich geschrieben. Und bei einzelnen Dingen wunderst du dich. Du wiederholst sie noch einmal, aber diesmal als Frage. So als würdest du sagen: „Echt jetzt?“
Ich vermute, dass du bei Schritt 2 viele schwebende Kadenzen verwendet hast, bei Schritt 3 fallende und bei Schritt 4 hast du eine steigende eingestreut.
Oft ist es leichter, über die Funktion zu gehen, die Kadenzen im Alltag haben. Dann denken wir nicht so technisch. Wir tun einfach Dinge, die wir öfters tun – Sachen aufzählen, einzelne Gedanken äußern oder Fragen stellen.
Du kannst dich auch mal im Alltag beobachten: Wann gehst du mit der Stimme runter, wann lässt du etwas in der Schwebe?





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