Der Gespenstertee ist ein Leseformat, das ich zusammen mit Petra Liebl und Dierk Seidel entwickelt habe. Wir suchen neue Lese-Orte dafür, am Liebsten private Wohnzimmer oder öffentliche Orte mit Wohnzimmer-Atmosphäre.
Der 1. Gespenstertee hat im Januar 2026 in Münster stattgefunden. Hier erzähle ich dir von der Idee und dem Konzept dieser besonderen Lesung. Und: Ich habe schon Ideen für weitere Ausgaben!
Gefällt dir, was du liest? Bleib auf dem Laufenden – abonniere meinen Newsletter!
Die Idee
Wie alles anfing
Ursprünglich sollte der Gespenstertee an Halloween stattfinden, aber nicht als typische Halloween-Veranstaltung mit Kürbissen und Geisterdeko. Es sollte ganz bewusst eine Alternative sein: literarisch, mit sanftem Gruseln, Tiefe und Gemeinschaftsgefühl.
Nach den ersten Gesprächen über die Idee, in denen ich immer wieder den Satz „Nimm doch was von Edgar Allan Poe“ hörte, beschloss ich: Wir lesen nur Literatur von Frauen. Ich dachte an die schaurigen Balladen von Annette von Droste-Hülshoff und wurde neugierig, was es sonst noch gibt.
Ausgewählt habe ich dann den Roman „Adeline oder die Abentheuer im Walde„ von Ann Radcliffe. Und drei Balladen von Annette von Droste-Hülshoff. Dazu gleich mehr.
Wie der Tee dazukam
Ich bin ja schon lange fasziniert von der Tradition der literarischen Salons, die es vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein gegeben hat. Da trafen sich Menschen in einem privaten Rahmen, um über Literatur zu diskutieren. Gastgeberinnen waren oft reiche, gebildete Frauen, die Salonnièren. In den Salons begegneten sich Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Klassen: Adelige, gebildete Bürger*innen, Künstler*innen und Schriftsteller*innen unterschiedlichen Backgrounds.
Bei meiner Recherche für die Lesung stieß ich dann auf eine verstreute Notiz über ein Buch mit Gespenstergeschichten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Die Idee zu dem Buch sei bei Teeabenden im privaten Kreis entstanden, auf denen man sich Gespenstergeschichten vorlas – sogenannten Gespenstertees.
Jetzt war ich hellwach. Das Wort gefiel mir, und es spann den Bogen zum literarischen Salon und zu meinem Wunsch, den Lesungen etwas gemeinschaftliches zu geben. Perfekt!
Das Konzept
Beim Gespenstertee gibt es keine räumliche Trennung zwischen Künstler*innen und Publikum. Wir sitzen mit den Zuschauer*innen zusammen an einem großen Tisch. Wenn die Plätze am Tisch nicht ausreichen, stellen wir weitere Stühle im Raum auf, aber wir wollen nicht, dass die Plätze am Tisch etwas exklusives sind, das nur wenigen vorbehalten ist.
Deshalb bitten wir die Zuschauer*innen immer wieder, sich einen neuen Platz zu suchen. So können mehr Menschen in den Genuss kommen, mit uns am Tisch zu sitzen, und die Lesung bekommt eine rhythmische, fast rituelle Struktur, denn der Ablauf ist immer gleich:
- 15 Minuten Lesen mit musikalischer Begleitung
- Platzwechsel
- Begrüßung der neuen Gäste am Tisch, Tee einschenken
Und weiter geht´s. Der Tee ist ein fester Bestandteil der Veranstaltung. Bei gedämpftem Licht entsteht eine besondere Atmosphäre, die sowohl Gemütlichkeit als auch etwas Aufregendes ausstrahlt.
Bei vier Runden mit je einem Leseblock von 15 Minuten, einer Einführung am Anfang und einer Pause in der Mitte dauert die Veranstaltung ca. 1,5 Stunden. Es sollte aber noch Zeit im Anschluss eingeplant werden, damit die Gäste miteinander und mit den Künstler*innen ins Gespräch kommen können.




Die Texte
Ann Radcliffe – Wegbereiterin des Schauerromans
Ann Radcliffe war eine britische Schriftstellerin des 18./19. Jahrhunderts und Wegbereiterin der Gothic Novel, also des Schauerromans.
In „Adeline oder die Abentheuer im Walde“ geht es um eine junge Frau, die im Kloster aufgewachsen ist, sich aber weigert, eine Ordensschwester zu werden. Sie verlässt das Kloster und macht ihre ersten Erfahrungen in der Welt außerhalb, wo sie keine Verwandten hat, an die sie sich wenden könnte. Sie findet aber Freunde, die sie unter ihre Fittiche nehmen. Mit ihnen strandet sie eines Nachts in der Ruine einer alten Abtei, tief im Wald – hier setzen wir beim Gespenstertee ein.
Wir haben nicht den Anspruch, die Handlung des Romans zu vermitteln. Aber die Neugier der Zuschauer*innen wurde in der 1. Lesung bereits geweckt. Mehrere kamen hinterher zu uns und fragten, wie es Adeline weiter ergeht. Ob sie herausfindet, von wem die geheimnisvollen Aufzeichnungen sind, die sie in der Abtei gefunden hat.
Meta Forkel Liebeskind – Die Übersetzerin
Die Romanauszüge von Ann Radcliffe lesen wir in der Übersetzung von Meta Forkel Liebeskind. Sie war Zeitgenossin von Ann Radcliffe und hat den Roman nur wenige Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe übersetzt. Meta Forkel-Liebeskind war eine ungewöhnlich gebildete und selbstbestimmte Frau für ihre Zeit, die viele Werke aus dem Englischen und Französischen übersetzt und auch eigene geschrieben hat.
Die englische Originalausgabe („The Romance of the Forest“) ist 1791 erschienen, die deutsche Übersetzung 1797. Wir haben es also mit einer Sprache zu tun, die sich deutlich von unserer heutigen unterscheidet. Sie ist aber noch gut zu verstehen und ich mag es sehr, die Geschichte in diesen – aus heutiger Sicht – mal schönen, mal etwas sperrigen Worten zu erzählen.
„Adeline fragte La Motten lächelnd, ob er an Geister glaubte? Die Frage war etwas unzeitig, denn der jetzige Aufenthalt erfüllte ihn mit seinen Schrecknissen, und Trotz alles Strebens fühlte er eine abergläubige Furcht sich seiner bemeistern. Vielleicht stand er in diesem Augenblick auf der Asche von Todten! Wenn es jemahls Geistern erlaubt würde, die Erde wieder zu besuchen, so schien dieß die Stunde und der Ort ihrer Erscheinung zu seyn. La Motte schwieg.“
Annette von Droste-Hülshoff – vielseitige Autorin mit Freude am Gruseligen
Annette von Droste-Hülshoff war eine Dichterin aus Münster – und eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter*innen des 19. Jahrhunderts. Sie ist nicht eindeutig einem Genre zuzuordnen. Anfangs war sie von der Romantik inspiriert, und es gibt auch Bezüge zur Schauerromantik. Andere Texte gehen eher in Richtung Realismus.
Für den Gespenstertee habe ich drei Balladen ausgewählt. Sie greifen Themen auf, die ich auch bei Ann Radcliffe gefunden habe:
- die Faszination für alte Burgen, Schlösser und Ruinen
- die Neugier, die die Figuren beim Erkunden dieser Orte vorantreibt
- Visionen und Träume, die Wirklichkeit werden
- das Doppelgängermotiv – ein Spiegelbild, das zu eigenem Leben erwacht
- gespenstische Erscheinungen
Dabei lässt sich Annette von Droste-Hülshoff auch von Volkssagen und Aberglauben inspirieren. Die Figuren in den Balladen stellen die Echtheit der Gespenster nicht in Frage, sie nehmen sie ganz ernst, und gerade die Frauen begegnen ihnen mit Neugier.
Mag sein, dass die Verbindung der beiden Autorinnen eine ungewöhnliche ist. Ann Radcliffe wird von manchen als Unterhaltungsliteratur angesehen. Annette von Droste-Hülshoff hat es in den Kanon der „Klassiker“ geschafft. U- und E-Literatur treffen aufeinander – ich finde, das passt zur Idee des Salons als einem Ort, wo gesellschaftliche Unterschiede weniger wichtig sind. Wo man sich offen begegnen kann, auch über (literarische) Standesgrenzen hinweg.
Die Beteiligten
Petra Liebl liest, zusammen mit mir. Sie ist Schauspielerin, Theaterpädagogin, Übersetzerin und Sprachenlehrerin in Münster.
Dierk Seidel macht gespenstische Klänge und Musik mit der E-Gitarre. Dierk ist Schriftsteller, Poetry-Slammer und Lesebühnenautor – Musik auf der Bühne ist eine Premiere für ihn.
Ich, Paula Marie Berdrow, habe die Texte ausgewählt und zusammengestellt. Und ich lese, zusammen mit Petra. Mehr über mich findest du hier.
Außerdem möchte ich Stephan Biermann einen Dank aussprechen. Er hat mich auf die Idee gebracht, etwas zum Gruseln zu machen, und wir haben den 1. Gespenstertee in seinem Wohnzimmer gespielt, in der Reihe „Westfälische Wohnzimmerunterhaltung“.
Und jetzt: Wohnzimmer gesucht!
Jetzt suchen wir weitere Orte, an denen wir einen Gespenstertee ausrichten dürfen. Das können private Wohnzimmer sein, oder Orte wie Cafés, Bühnen, Läden oder Ateliers mit einer gemütlichen Atmosphäre.
Was wir brauchen:
- einen Tisch und Stühle für uns und die Zuschauenden (es müssen nicht alle am Tisch Platz finden)
- eine ok-e bis gute Akustik (in Wohnzimmern meist kein Problem, eher bei größeren Räumen)
- eine Möglichkeit, Tee zu kochen
- Kerzenlicht oder anderes gedämpftes Licht
Am Ende der Lesung lassen wir eine Hutkasse rumgehen. Oder wir vereinbaren vorab ein Honorar, beides ist möglich.
Melde dich gerne, wenn du Lust auf einen Gespenstertee in deinem Wohnzimmer hast! Wir sprechen dann über alles weitere.






0 Kommentare