Vom Mut, öffentlich allein zu sein – und wie ich ihn gefunden habe

von | Okt 10, 2022 | Selbstbewusstsein | 0 Kommentare

Wie ist es für Dich, öffentlich allein zu sein – zum Beispiel im Kino, in einem Café oder Restaurant? Mir fiel das früher schwer. Ich fühlte mich beobachtet und hatte das Gefühl, durch mein Alleinsein aufzufallen. Vielleicht sogar bewertet zu werden.

Aber am allerschwersten fand ich es, wenn ich Teil einer Gruppe war. Zum Beispiel 2016, als ich an einem 4-wöchigen Sprachkurs in Reykjavík teilnahm. Wenn wir nach dem Unterricht in die Cafeteria gingen, spürte ich so einen Druck, mich irgendwo zuzuordnen. Bloß nicht allein am Tisch sitzen, nicht „übrig bleiben“ und damit als Außenseiterin sichtbar werden!

Im Nachhinein finde ich das sehr interessant. Inzwischen kann ich ganz gut öffentlich allein sein und weiter unten teile ich ein paar Strategien mit Dir, die mir dabei geholfen haben. Aber so richtig bewusst geworden ist mir der Mut, den es braucht, öffentlich allein zu sein, damals in Island, deshalb möchte ich genau da anfangen.

Anschluss zu finden, war mir wichtig

Ich freute mich sehr auf die Reise. Im Grunde hatte ich schon als Kind den Traum, eines Tages nach Island zu reisen, und jetzt konnte ich ihn endlich umsetzen.

Gleichzeitig waren da Fragen:

  • Wie wird das mit den anderen Kursteilnehmer*innen sein?
  • Was, wenn wir uns nicht verstehen?
  • Werde ich Anschluss finden?

Angekommen, teilte ich mir ein Zimmer mit einer Doktorandin aus England. Wir hatten das große Glück, dass wir uns von Anfang an gut verstanden. Mit ihr konnte ich wirklich reden, und wenn wir in der Gruppe unterwegs waren, hielten wir uns aneinander. Allerdings war sie im Fortgeschrittenenkurs und hatte andere Unterrichtszeiten als ich.

Trotzdem gelang es mir meistens, mich bei bei Ausflügen, Pausen und anderen Aktivitäten irgendeinem Grüppchen zuzuordnen. Zum Ausgleich streifte ich an den Nachmittagen, die ich frei hatte, allein durch die Stadt oder ging mit meiner Zimmergenossin ins Schwimmbad.

Es geht auch anders

Es gab damals eine Person in unserem Kurs, die eine andere Strategie verfolgte. Joan – sie blieb meistens für sich und saß auch beim Mittagessen immer weit weg von den anderen an einem eigenen Tisch. Damit schien es ihr gut zu gehen. Sie hatte eine Freundin im Kurs, mit der sie manchmal herumhing, und ansonsten machte sie ihr Ding.

Weil Joans Strategie so anders war als meine eigene, fiel sie mir auf. Ich war verblüfft. Was sie tat, faszinierte mich. Gleichzeitig war ich entschlossen, dass ich das nicht könnte. 

Ist es schlimm, allein zu sein?

Warum fand ich es damals so unvorstellbar, öffentlich allein zu sein? Wünschte ich mir Gesellschaft, wollte ich alles aufsaugen und alle nur möglichen Erfahrungen und Begegnungen mitnehmen?

Ja, auch – die neue Umgebung und die vielen Eindrücke setzten eine große Menge Energie frei und ich stürzte mich mitten hinein. Aber manchmal war es auch anstrengend für mich, immer wieder aufs neue Anschluss zu suchen, und mit der Zeit spürte ich Erschöpfung.

Ich will damit nicht sagen, dass es besser gewesen wäre, allein zu sein. Beide Strategien haben ihre Berechtigung. Im Nachhinein hätte ich einfach gerne beiderlei Vorteile genossen – für mich sein, wenn ich Ruhe brauchte und Kontakt suchen, wenn mir danach war. Aber so frei fühlte ich mich damals noch nicht. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, möglichst nicht öffentlich allein zu sein.

Woher kommt die Angst, öffentlich allein zu sein?

Ich glaube, dass es bei mir mit den Erfahrungen in meiner Schulzeit zu tun hat. In der ersten Klasse hatte ich noch richtig gute Freundin in meiner Klasse. Aber nach etwa einem Jahr zog sie weg und ich war plötzlich ganz alleine. In der Pause stand ich auf dem großen Hof, um mich herum tobten die Kinder und ich wusste nicht, wohin. Auch im Sportunterricht und auf Klassenfahrt gab es unangenehme Situationen. Will mich jemand in der Mannschaft haben? Oder mit mir auf ein Zimmer? – Ich glaube, da wurde meine Angst, „übrig zu bleiben“ geboren.

Ab der dritten Klasse wurde es dann besser. Ich hatte Freundinnen in anderen Jahrgängen gefunden, mit denen ich in den Pausen gerne zusammen war. Auch in meiner Klasse gab es wieder Kontakte. Gleichzeitig wurde ich aber auch immer wieder geärgert und fühlte mich dem ziemlich ausgeliefert.

Eine extravertierte Strategie

Mit der Zeit entwickelte ich Strategien, um mit solchen Situationen umzugehen. Ich lernte, auf andere zuzugehen, ins Gespräch zu kommen und mich in ein bestehendes Grüppchen hineinzufinden. Der Anfang war immer ziemlich aufregend, aber es klappte jedes Mal ein Stück besser. In der Abizeit hörte ich dann zum ersten Mal den Satz „Du? Schüchtern? Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen!“

Ich hatte also eine extravertierte Strategie gelernt, die ich mir auch als Intro – auf Zeit – zu eigen machen konnte. So knüpfte ich neue Kontakte, nicht nur in Reykjavík, sondern auch sonst – zum Beispiel als ich zum Studieren nach Göttingen zog. Heute bin ich darin schon ziemlich routiniert, und ich schätze diese Fähigkeit. Trotzdem spüre ich, dass darin immer noch diese alte Angst mitschwingt: keinen Anschluss zu finden.

Leider hilft mir die Angst nicht beim Anschluss finden, im Gegenteil: sie macht, dass ich im Kontakt mit anderen befangen bin. Wenn sie da ist, spüre ich einen starken Druck, das Gespräch in Gang zu halten. Und dieser Druck erzeugt Stress und Blockaden, er macht, dass aus meinem Kopf alle schlauen Worte und Gesprächsanfänge verschwinden. Ich fühle mich dann nicht mehr frei, denke, dass ich reden MUSS und frage mich nicht mehr, ob ich reden WILL.

Was bedeutet es, öffentlich allein zu sein?

Öffentlich allein sein können bedeutet für mich, frei zu sein. Mich freizumachen von dem Druck, immer irgendwo dazuzugehören und selbst zu entscheiden:

Was wünsche ich mir gerade?

  • Bei mir sein, mein Essen oder meinen Kaffee oder die Sonne im Gesicht genießen? Die anderen vielleicht aus der Ferne beobachten?
  • Oder das Gespräch suchen, etwas über andere erfahren und gemeinsam etwas erleben?

Beides ist ok. Und erst, wenn ich mich frei entscheide, kann ich beides so richtig genießen.

Und wie werde ich frei?

Warum erzähle ich Dir das alles? Weil ich der Meinung bin, dass es nicht nur mir so geht. Viele Introvertierte kennen ja den Konflikt zwischen ihrem Ruhebedürfnis und dem eigenen oder fremden Anspruch, gesellig zu sein. Wenn Du dazu noch schüchtern bist, ist dieses auf-andere-Zugehen wahrscheinlich ganz besonders stressig für Dich. Gedanken, die uns noch zusätzlich Druck machen, können wir da einfach nicht gebrauchen.

Deshalb möchte ich Dir ein paar Strategien vorstellen, die mir geholfen haben, freier und gelassener zu entscheiden, ob ich gerade für mich oder mit anderen sein will.

1. Erkenne Dich selbst

Die Beschäftigung mit meiner Persönlichkeit war für mich der erste Schritt. Dass es sowas wie Introversion gibt, war mir nämlich lange nicht klar. Wenn ich mit Menschen zusammen war, die ich noch nicht so gut kannte, fühlte ich mich einfach unzulänglich – nicht so spontan, locker und lustig wie alle anderen. Und ich merkte, dass ich auch schneller erschöpft war als sie.

Nach und nach stellte ich fest, dass ich damit keineswegs alleine bin! Ich fing an, mir die Art, wie ich „ticke“ genauer anzusehen:

  • Wann fühle ich mich richtig wohl?
  • Was brauche ich, damit es mir gut geht?
  • Was gibt mir Energie?
  • Was raubt mir Energie?
  • Wann genieße ich Kontakt und wann nicht?

2. Hinterfrage Deine Gedanken

Das war der zweite Schritt – aber zeitlich gesehen, verlief er parallel, denn Nr. 1 war ein längerer Prozess und Nr. 2 eher eine plötzliche Erkenntnis 😀

Durch Zufall lernte ich in einem Achtsamkeitskurs die Übung „Ich muss nicht alles glauben, was ich denke“ kennen. Sie brachte mich zu der Erkenntnis, dass ich nicht – wie ich damals oft dachte – „zu introvertiert“, sondern einfach nur „introvertiert“ bin. Wenn Du Dich jetzt fragst, wie diese Übung genau geht – ich schreibe noch einen Blogartikel darüber 🙂

Ich hörte also auf, die Art, wie ich nunmal bin, als etwas negatives zu sehen. Wenn ich erschöpft war und merkte, dass ich im Gespräch irgendwie nicht hinterher kam, ärgerte ich mich nicht mehr, sondern brachte mir stattdessen Mitgefühl entgegen.

3. Hinterfrage die Verantwortung

Ab hier weiß ich nicht mehr, in welcher Reihenfolge ich die Schritte vollzogen habe. Es handelt sich um eine Reihe kleiner Erkenntnisse, die zusammengenommen einen großen Unterschied machten – sowohl IM Gespräch als auch bei der Entscheidung, OB ich ein Gespräch anfange.

Wenn ich versuchte, mit einer mir unbekannten oder flüchtig bekannten Person ins Gespräch zu kommen und es klappte nicht – weil das Gespräch ins Stocken kam und immer wieder ungemütliche Pausen entstanden – dann fühlte ich mich lange schuldig. Ich ging ganz selbstverständlich davon aus, dass mein Unvermögen das Gespräch ins Stocken gebracht hatte.

Dabei ist das ein Trugschluss. Denn die Verantwortung für Gespräche liegt nicht isoliert bei einer Person, sie liegt bei beiden. Du kannst ja mal überlegen, mit wem Dir Gespräche leichter fallen und mit wem eher schwer. Gibt es da Unterschiede?

  • Wie schaffen es manche Menschen, dass Dir der Einstieg leicht fällt?
  • Können sie sich besonders gut auf Dich einlassen?
  • Wirken sie besonders freundlich und offen auf Dich?
  • Gehen sie vielleicht auf Dich zu, sodass Du nicht den ersten Schritt machen musst?

Wenn es mal nicht so klappt mit dem Gespräch, mach Dir das bewusst und sei verständnisvoll mit Dir. Denke daran, dass ihr euch die Verantwortung für das Gespräch teilt, und dass es für euch beide leichtere und schwierigere Momente geben kann.

4. Wechsel die Perspektive

Damit sind wir auch schon bei Punkt 4, der logischen Ergänzung zu Nr. 3. Wenn ein Gespräch einfach nicht in Gang kommen will, kann das nämlich ganz verschiedene Gründe haben. Hier mal ein paar Ideen:

  • Ihr habt noch nicht das passende Thema gefunden, das beide interessiert.
  • Eine Person oder beide fühlen sich unwohl oder sind verunsichert.
  • Eine Person oder beide möchten gerade nicht reden.
  • Ihr seid sehr unterschiedlich und es fällt euch schwer, die Reaktionen der jeweils anderen Person zu einzuschätzen.

Bedenke auch hier, dass die Gründe auf beiden Seiten liegen können (siehe Nr. 3). Wenn ich mich selbst unwohl fühle, fällt es mir schwer, mich wirklich auf eine andere Person einzulassen. Da kommt auch der Druck, etwas zu sagen, wieder ins Spiel, der alle guten Ideen aus meinem Kopf wegzaubert. Aber es könnte ja auch sein, dass es meinen Gesprächspartner*innen so geht. Wer sagt denn, dass alle anderen Menschen außer mir total extravertiert und selbstsicher sind und sich jederzeit locker-flockig unterhalten können und wollen?

Ich glaube, bevor ich anfing, mich mit Introversion zu beschäftigen, habe ich meine Gesprächspartner*innen manchmal als extravertierter eingeschätzt, als sie es wirklich waren. Ich versuchte dann, meine erlernte Strategie anzuwenden, was bei ihnen aber eher Unbehagen auslöste. In gewisser Weise setzte ich genau das fort, was mir selber im Umgang mit Extravertierten passierte: sie fühlten sich bedrängt und unverstanden.

Deshalb finde ich es so wichtig, die Gesprächspartner*innen wahrzunehmen. Empathie ist eine Stärke vieler Introvertierter. Durch sie bekommst Du ein Gefühl dafür, wer da eigentlich vor Dir steht und wie es der Person geht.

5. Entscheide bewusst

Du darfst selbst entscheiden. Du kannst zu den anderen gehen und Dich ins Gespräch einmischen. Du kannst für Dich bleiben. Und Du kannst Deine Meinung ändern, mal ein Weilchen hier am Rand und ein Weilchen da im Getümmel sein. Die Entscheidung liegt bei Dir.

So einfach es klingt, war mir das ganz lange nicht bewusst. Aber es hilft mir, immer wieder daran zu denken, wenn sich die Angst, öffentlich allein zu sein, wieder mal meldet. Denn die ist nicht weg – ab und zu spüre ich sie noch.

Das finde ich auch ganz verständlich. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir wollen angenommen und respektiert und gesehen werden. Und ja, – wenn wir öffentlich alleine sind, kann es sein, dass ein paar ultraextravertierte, urteilsfreudige Menschen das nicht so sympathisch finden. Aber weißt Du was? Das definiert mich nicht. Ich entscheide selbst, was ich mache. Und wenn ich erschöpft bin und mir nach Ruhe ist, dann erlaube ich sie mir.

Da kommen wir auf eine große Stärke vieler Introvertierter zu sprechen: Unabhängigkeit. Lena Noa bezeichnet sie in ihrem Buch „Leidenschaftlich introvertiert“ als eines unserer größten Potentiale, und sie manifestiert sich noch auf vielen anderen Ebenen.

Frei, entspannt, spontan

Klar, manchmal tappe ich immer noch in die Falle – bin gestresst und kann überhaupt nicht sagen, was ich nun eigentlich will. Aber immer öfter genieße ich meine Freiheit. Und weil ich weniger gestresst bin, kann ich auch offener sein, lasse mich auf meine Gesprächsparter*innen ein, nehme mehr Zwischentöne wahr oder bemerke Feinheiten in meiner Umgebung, über die ich sprechen kann.

Wie ist das bei Dir? Bist Du gerne öffentlich allein? Ist es zum Beispiel ok für Dich, allein ins Kino zu gehen? Oder in ein Restaurant? Das sind so Dinge, die bei mir in den letzten Jahren gekommen sind.

Und wie ist es für Dich, wenn Du zu einer Gruppe gehörst, die Du Dir nicht ausgesucht hast? Gehst Du gleich auf die anderen zu, oder hältst Du lieber erstmal Abstand? Womit fühlst Du Dich wohl? Magst Du mir Deine Gedanken in einem Kommentar mitteilen?

Ich würde mich freuen!

Alles Liebe
Paula

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