Introvertiert auf der Bühne? Ja! – Meine Bühnenchronik

von | Aug 6, 2022 | Persönliches | 2 Kommentare

Die Bühne hat für mich eine ganz besondere Bedeutung. Texte laut vorzutragen, das hat mich schon immer fasziniert. Auch wenn ich sonst eher schüchtern war – diese besondere Art der Kommunikation zog mich an. Hier habe ich schon darüber geschrieben, warum die Bühne für uns Introvertierte so reizvoll ist.

Auf die Idee, eine Bühnenchronik zu schreiben, kam ich dann beim Schreiben meines Artikels „Wie ich wurde, was ich bin – mein Weg zur Kommunikationspädagogin“. Ich sah mir alte Fotos an und merkte: ich habe Bühnenfotos aus so ziemlich jedem Lebensabschnitt. Selbst auf meinen Kinderfotos bin ich andauernd verkleidet oder bunt geschminkt, und ab 2003 war ich regelmäßig neben Schule, Studium und Jobs an Theaterprojekten beteiligt. Die Bühne begleitet mich. Und die Fotos fand ich so cool, dass ich Lust bekam, etwas daraus zu machen.

Voilà – hier ist meine Bühnenchronik! Antichronologisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn Lesungen, Rezitationen und andere kleinere Projekte habe ich weggelassen. Ich hoffe das Lesen macht Dir genau so viel Spaß, wie mir das Schreiben!

2022 ~ IM STROM

In meinem aktuellsten Projekt ~ IM STROM geht es um psychische Krisen in der Literatur und darum, wie man sie durch Schreiben/Erzählen beeinflussen kann. Die Inszenierung von Theater en face gehört zum Projekt outside – inside – outside. Literatur und Psychiatrie des LWL. Hier stand ich nicht nur auf der Bühne, sondern habe auch die Kostüme gestaltet.

Zu ~ IM STROM gab es eine Kritik in den Westfälischen Nachrichten und eine Kritik im Semesterspiegel.

Ein Mann liegt auf dem Boden und bewegt seine Hände zum rechten Bildrand. Vier Personen stehen drumherum und verfolgen gespannt, was er macht.

Ein bewegter Moment. Von links: Lena Bodenstedt, ich, Marion Bertlin, Julius Kuebart und Uwe Rasch.

2021 – FIKTIONEN

FIKTIONEN von Theater en face war ursprünglich als Theater-Walk konzipiert, wurde dann aber doch, aufgrund von Corona, als Theaterstück mit festen Plätzen umgesetzt. Spielort war die neue Bibliothek des Philosophikums in Münster. Ein spannender Ort mit Sandsteinwänden, ziemlich spitzen Winkeln und langen Korridoren. Außerdem perfekt für unser Stück über die Aneignung von Wissen und die Verbreitung von Fake News.

Hier geht es zur Kritik von FIKTIONEN in den Westfälischen Nachrichten.

Ich stehe in einer Bibliothek und schaue nach oben.

Der Blick nach oben hat seinen Sinn – da kamen schon auch mal Bücher heruntergeflogen!

2019 – Salomons Traum

Salomon ist ein indischer Elefant, der im 16. Jahrhundert am Hof des portugiesischen Königs lebte und von ihm nach Wien verschenkt wurde. Die Reise des Elefanten über die Alpen hat es wohl wirklich gegeben. Das Stück von Theater en face beruht auf José Samaragos Roman „Die Reise des Elefanten“. Ich spielte darin den Elefantenführer Subhro, sowie ein Mitglied des Erzähler*innenkollektivs.

Außerdem habe ich für „Salomons Traum“ eine Krone aus Nudeln gebaut. Eine dieser verrückten Aufgaben, die ich bei theater en face so gerne mag (und für die ich eine gewisse Reputation habe).

Hier geht es zum Trailer von „Salomons Traum“ und hier zur Kritik in den Westfälischen Nachrichten.

Ich stehe links im Bild und spreche. Rechts ist eine Frau, die angriffslustig ihre Zähne zeigt.

Lena Bodenstedt (rechts) spielte den Kommandanten der portugiesische Armee, ich bin hier als Erzählerin unterwegs.

2017 – Die Welt ist Nase

Ein Projekt über den Riechsinn! Klingt vielleicht erstmal komisch, war aber ziemlich cool. Vom Video-Dreh mit dreimal gebackenem Apfelkuchen und Käsepornographie, bis hin zu Tanz, Sprechen und Performance. Die Produktion der Reaktanz Company feierte beim Neue Wände Festival 2017 Premiere und wurde 2018 noch einmal in der Studiobühne Münster gespielt. Außerdem waren wir 2021 bei der Göttinger Tanzkulturwoche zu Gast.

Hier findest Du den Trailer zu „Die Welt ist Nase“. Und hier die Renzension von Dajana Zehler für das Kulturbüro Göttingen.

Vier Personen bewegen sich durch eine weiße Staubwolke auf einer Bühne.

2017 im kleinen Haus des Theater Münster…

Ein Mann sitzt mit verbundenen Augen am Klavier. Ich stehe daneben und halte ihm ein Gefäß unter die Nase.

…und 2021 in der alten Fechthalle in Göttingen.

2017 – ʡ Wünschelrut

2017 war ich gleich noch ein zweites Mal beim Neue Wände Festival vertreten, nämlich mit dem Studierendenprojekt ʡ Wünschelrut – Stück für Sprachverlassene, in dem es um das Schweigen an der Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem ging.

Auf dem Boden ist weißer Staub, jemand hat etwas hineingeschrieben. Ich knie auf dem Boden und verwische die Schrift.

Praktisch: den weißen Staub von „Die Welt ist Nase“ haben wir wiederverwendet.

2017 – Nachtschattengewächse

Mein letztes Projekt mit der studentischen Theatergruppe Rezitheater. Ich hatte eigentlich schon 2015 aufgehört, dann aber erfahren, dass die Gruppe danach komplett eingeschlafen war. Das ließ mich irgendwie nicht los, also stellte ich zusammen mit meinem Mann eine allerletzte Produktion auf die Beine. Es ging um das Thema Nacht, und das Stück war wie immer eine lose Szenencollage mit Theater- und Rezitationselementen. Das Rezitheater besteht übrigens noch immer. Diesmal konnten wir die Gruppe an die nächste Generation von Studierenden übergeben.

2016 – Transcendanse

Transcendanse war meine erste Produktion mit der Reaktanz Company, die sich ein Jahr vorher um die Tänzerin Vivienne Hecht gegründet hatte. In der Produktion über Transzendenz, die wir gemeinsam entwickelt haben, kamen Tanz, Rezitation und Live-Musik zusammen.

Eine rechteckige Fernsehlupe, dahinter Vivienne und ich, unsere Gesichter ganz nah beieinander.

Vivienne und ich bewegen uns am Boden mit einer Lupe.

2015 – I like my sisters and my sisters like me

Das war eine meiner Lieblingsproduktionen mit Theater en face, weil ich so viele coole Sachen machen durfte:

  • mich prügeln
  • altgriechisch sprechen
  • Bewegungs-Impros in der Gruppe
  • einen Kimono schneidern und tragen
  • mir ein selbstgebautes Papierkleid vom Leib reißen
  • aus dem Grundgesetz lesen und dabei die Seiten abschneiden, sodass ich immer nur die Hälfte der Zeile lesen konnte (daher ist auch das Beitragsbild)

Außerdem war es das erste Mal, dass ich auf der Bühne des Pumpenhauses stand. Hier geht´s zum Trailer von „I like my sisters and my sisters like me“.

Ich stehe und spreche einen Text. Vier andere Personen sitzen oder stehen um mich herum, sie schmiegen sich an mich an und versuchen, mich nach unten zu ziehen.

Von links, unten: Frederick Clausen, Vivienne Hecht, Christoph Winges. Oben bin ich mit Gilsuk Ko.

2015 – Moos. Denkt, Wald ihr wollt.

Mein vorletztes Stück mit dem Rezitheater. Eine Szenencollage zum Thema Wald, bei der so einiges an schaurig-schönen Texten vorgetragen wurde.

2014 – Menschen, die auf Lehmann starren

Das Rezitheater arbeitet mit dem Stoff rund um die Herr Lehmann Trilogie. Eine spannende Produktion, bei der auch mein Mann (großer Herr Lehmann Fan) mit von der Partie war. Das Bühnenbild haben wir aus Holzresten vom Sperrmüll gebaut – bei uns im Wohnzimmer.

2013 – Tobende Ordnung

So hieß meine erste Produktion mit Theater en face. Ich hatte der Regisseurin Xenia Multmeier angeboten, die Maske zu machen – das hatte ich in meiner Zeit Göttingen oft gemacht, und die Arbeit fehlte mir. Als Xenia mich dann beim Schminken beobachtete, sagte sie:

„Das sieht so ästhetisch aus. Ich habe da eine Idee für mein neues Stück.“

Also stand ich in Tobende Ordnung auf der Bühne und bemalte meinen Körper mit einem Netz aus blauen und roten Adern. Davon abgesehen hatte ich zwar wenig Text durfte aber an einigen coolen Bewegungsperformances teilnehmen. Bei Tobende Ordnung ging es um das Schreiben in der Psychiatrie die Inszenierung war Teil des Festival für Outsider Art vom Kunsthaus Kannen.

Vier Frauen sitzen in einer Reihe. Jede von ihnen hat einen Hammer, mit dem sie sich selbst aufs Knie klopft. An meinem Gesicht, Hals und Armen siehst Du die aufgemalten, roten und blauen Adern.

Von links: Stephanie Escuadero-Kießling, ich, Anne Rolfes und Sarah Giese

2013 – Changes

Mit diesem Stück hat das Rezitheater zum ersten Mal am studentischen Theaterfestival Neue Wände teilgenommen – in Kooperation mit der Big Band der Uni Münster. Meine stärkste Erinnerung: wie mitten in einem Text auf der Bühne mein Mikro ausging, und im Hintergrund spielte die Big Band. Dagegen hatte ich nicht wirklich eine Chance, aber ich habe tapfer weitergesprochen. Irgendwann kam zum Glück ein Techniker mit einem neuen Mikro.

2013 – Perfection is not harming anybody, oder?

Beim zweiten Stück des Rezitheaters ging es um das Thema Unvollkommenheit. Der Titel ist von einem Yogi-Teebeutelspruch inspiriert, den wir falsch verstanden hatten. Statt „Perfektion bedeutet, niemandem zu schaden,“ lasen wir „Perfektion schadet niemandem.“ Das sahen wir anders!

Ein Café auf der Bühne. Ich sitze an einem Tisch und stricke mit einem roten Faden. Neben mir sitzt ein Mann und liest.

Der rote Faden wird live auf der Bühne verstrickt.

2012 – Dich denken

Als ich im Sommersemester 2011 nach Münster kam, war mir erstmal gar nicht nach Theater. Ich weiß nicht genau, warum, aber ich war fest davon überzeugt, dass ich genug davon hatte. Rezitation, also beispielsweise Gedichte vortragen, fand ich aber ok, deshalb landete ich schließlich beim Rezitheater. In Kollektivregie, irgendwo in den Randgebieten zwischen Rezitation und Theater, haben wir ein Stück entwickelt, Ausgangspunkt waren Goethes „Leiden des jungen Werthers“.

Ich sitze in einem weißen Hemd und einer schwarzen Weste auf der Bühne und spreche..

2009 – Bilder einer Ausstellung

Das war meine letzte Produktion am studentischen Theater im OP (ThOP) in Göttingen. Die Probenphase war sehr intensiv für mich. Das Ensemble war toll und es tat mir gut, mit dem Körper zu arbeiten. Ich konnte sogar etwas von meinen Aikido-Kenntnissen einbringen.

Außerdem gab es einen Doppel-Verwechlungseffekt (siehe Foto). Damit ich meiner „Zwillingsschwester“ halbwegs ähnlich sah, gingen wir zusammen zum Friseur. Unsere Haarstruktur war allerdings so unterschiedlich, dass sich unsere Frisuren nur bedingt angleichen ließen.

Vier Personen auf einer dunklen Bühne. Zwei Männer, die offensichtlich Zwillinge sind, stehen sich gegenüber und schauen sich an. Zwei Frauen, beide im roten Kleid, kommen von der Seite auf sie zu. Alles sieht wie gespiegelt aus.

Mein Zwilling und ich! (c) Dirk Opitz

Ich liege seitlich auf einem Stuhel, die Beine von mir gestreckt, drumherum liegen Blätter.

(c) Dirk Opitz

Ich trage eine Militär-Tanrhose und eine neutrale Maske. In den Händen habe ich einen Stock, den ich hinter meinem Kopf versteckt halte.

Kämpferisch liegt mir irgendwie… auf der Bühne jedenfalls. (c) Dirk Opitz

2008 – Die deutschen Kleinstädter

In der Komödie „Die deutschen Kleinstädter“ am ThOP ging es um einen Generationenkonflikt. Ich spielte eine junge Frau, die sich verliebt hat, aber leider war die Familie damit nicht einverstanden.

Eine ältere Frau steht mit dem Rücken zur Kamera. Sie spricht mit mir, und ich schaue sie überrascht an. Hinter mir steht noch ein Mann, der uns mit kritischem Gesichtsausdruck zuhört.

Die Strafpredigt der Großmutter, (c) Dirk Opitz

2008 – Die Komödie der Irrungen

Meine Lieblingsproduktion am ThOP, weil ich mich in der Rolle der Adriana so richtig austoben konnte. Adriana wird von ihrem Mann betrogen, sie ist wütend und lässt ihrer Wut freien Lauf. Schimpfen, schreien, Türen knallen – das sind Dinge, die ich im Alltag nur wirklich selten tue. Aber das auf der Bühne mal so richtig zu übertreiben, hat mir Spaß gemacht.

Ich stehe vor einem schwarzen Hintergrund und schimpfe, eine Hand hält mich am Arm zurück.

(c) Dirk Opitz

2007 – Erste Rollen bei „Abgrundbunt“

Meine erste Produktion am ThOP – es war das Abschlussprojekt des Regiekurses, eine Szenencollage, bei der jede Szene von einer anderen Person aus dem Kurs inszeniert wurde. Ich spielte in zwei Szenen mit, die erste war aus Peter Weiss‘ „Die Ermordung des Marat“, und meine Aufgabe war – naja, Marat ermordern. Die Generalprobe werde ich nie vergessen, denn genau in dem Moment, als ich mein Messer hob, war von draußen ein lauter Donner zu hören.

Es ist dunkel, und Du siehst mich in meiner Rolle, wie ich den Marat ermorde. Meine Rechte Hand mit dem Messer ist hoch in der Luft, mein linker Arm um seinen Hanls und er versucht sich zu befreien.

(c) Dirk Opitz

Die zweite Szene hatte die Regisseurin selbst geschrieben. Darin traf ich im Jenseits auf ein Einhorn, das mich mit Schokolade tröstete. Das dramatische Make-Up hat übrigens gleich mein Interesse geweckt, mich auch selbst in der Maske auszuprobieren.

Zwei Figuren vor schwarzem Grund: ein Einhorn, also ein Mensch mit Einhornmaske und ich, mit einem geschminkten Einschussloch an der Schläfe.

(c) Dirk Opitz

2005 – Meine Biografie tanzen?

Mein erstes Tanztheaterprojekt! Es hieß „Terranza“, und ja, im zarten Alter von 17 Jahren haben wir unsere eigene Biografie vertanzt. Dabei war mir Tanzen eigentlich suspekt. Alle anderen machten den typischen Standardtanzkurs – ich weigerte mich. Tanzen in der Disko mochte ich auch nicht. Aber ich muss gespürt haben, dass das Projekt im Bremer Tanzwerk anders war. Hier ging es darum, mich auszudrücken und meine eigene Sprache zu finden. Der gemeinsame Erarbeitungsprozess gab mir die Sicherheit, die ich dafür brauchte.

Drei Frauen auf einer Bühne. Ich bin ganz rechts und schiebe mit einer energischen Bewegung meine rechte Hand nach vorne, so als würde ich

Ich habe es damals verpasst, mir die hochauflösenden Bilder zu besorgen. Dieses hier mag ich trotzdem, weil es so kraftvoll aussieht! Ich bin ganz rechts 😉 (c) Matthias Seeger

2003 – Erste Schritte im „Freiraum“

Meine ersten Schritte in Sachen Theater habe ich in Bremen, im Kulturzentrum Schlachthof gemacht. Das war eine ordentliche Überwindung für mich, aber als ich mich dann reingetraut hatte, war es einfach großartig. Ich habe nämlich gemerkt, dass die Bühne ein geschützter Raum sein kann. Hier fühlte ich mich frei, konnte mich ausprobieren und ganz neue Seiten an mir entdecken. Und das ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie die Menschen in meinem Umfeld darauf reagieren. „Freiraum“ hieß dieses Angebot, und ich finde das ist ein sehr passender Name.

Fortsetzung folgt…

Wow, Du hast Dich wirklich bis ganz zum Anfang durchgescrollt! Wie cool! Ich habe vor, diese Chronik ab jetzt laufend zu erweitern. Das neuste Projekt findest Du dann immer oben, falls Du nochmal vorbeischauen magst 😉 Und weißt Du, worüber ich mich riesig freuen würde? Wenn Du mir einen Kommentar dalässt, einfach damit ich weiß, dass Du da warst 🙂 Du kannst mir ja verraten, ob Du mich auf allen Bildern erkannt hast 😉

Bis bald
Deine Paula

2 Kommentare

  1. Mim | still & sensibel

    Wow, liebe Paula, du hast wirklich schon viel Bühnenluft geschnuppert. Da bist du mir weiiiit voraus. Ich hatte zwar meine Gesangsauftritte hier und da, aber so vielfältig und interessant wie deine Auftritte war das natürlich nicht.

    Echt tolle Chronik. Da werde ich fast ein bisschen neidisch. 😉

    Ganz liebe Grüße
    Mim

    Antworten
    • Paula

      Danke, Mim 😊

      Die Gesangsauftritte finde ich aber auch richtig beeindruckend! Vor dem Singen habe ich nämlich Angst. Irgendwann würde ich mich da auch gerne mal etwas rantasten.

      Und ich freue mich über Dein Feedback, hab nämlich ganz schön gezögert bei diesem Artikel, weil ich nicht sicher war, ob das irgendwen interessiert 😉

      Viele liebe Grüße
      Paula

      Antworten

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