Was mache ich, wenn ich eine Frage nicht beantworten kann?

von | Mai 17, 2022 | Selbstbewusstsein | 2 Kommentare

Du hältst einen Vortrag über Dein Expert*innenthema. Vielleicht gibst Du auch in Interview, einen Workshop oder ein Live. Oder Du tauschst Dich im Gespräch mit anderen Expert*innen aus. Und dann passiert es: Jemand stellt eine Frage, auf die Du nicht vorbereitet bist. Dein Selbstbewusstsein schwindet und Du denkst:

Oh nein! Jetzt hat sie mich kalt erwischt!

In diesem Artikel zeige ich Dir, wie Du

  • Deine Haltung zum Thema Wissen und Expert*innentum hinterfragst
  • Fragen wertschätzend und konstruktiv aufnimmst
  • und dabei ruhig und gelassen bleibst

Welche Haltung steckt hinter Deiner Angst?

Wie wir mit einer unerwarteten Herausforderung – der Frage – umgehen, hängt sehr von unserem Mindset ab. Lass uns doch einmal schauen, welche Haltung eigentlich hinter der Angst vor schwierigen Fragen steckt.

Hoffentlich stellt mir niemand eine Frage, die ich nicht beantworten kann!

Diese Art Frage wäre also etwas Schlechtes, oder? Was würde es denn bedeuten, wenn Du auf eine Frage keine passende Antwort weißt? Was bedeutet es für Dich und Deine Rolle als Expertin?

Vielleicht kommen Dir jetzt Gedanken wie

  • Dann würde mich doch niemand mehr als Expert*in sehen.
  • Ich kann doch nicht behaupten, mich mit dem Thema auszukennen, und dann kann ich nicht mal auf Fragen antworten.
  • Man würde mich nicht mehr ernst nehmen.

Diese Befürchtungen sind verständlich. Wir alle wünschen uns, dass wir von unseren Gesprächspartner*innen ernst genommen werden. Aber welche Vorstellung von einer Expert*in steckt hinter diesen Ängsten?

Welche Art Expert*in möchtest Du sein?

Ist eine Expert*in eine Person, die auf alle Fragen eine Antwort hat? Die alles schon weiß, alle Bücher gelesen hat und auf alles vorbereitet ist?

Oder ist es eine Suchende, Lernende und Forschende, eine Person, die sich brennend für ihr Thema interessiert und sich sehr intensiv damit auseinandersetzt?

In welcher der beiden erkennst Du Dich wieder? Und welche möchtest Du sein?

Wie gehst Du mit anderen Perspektiven um?

Lass uns noch einen Moment bei den verschiedenen Haltungen bleiben. Was meinst Du, wie stehen die beiden Expert*innen zu anderen Perspektiven, anderen Lehr- oder Forschungsmeinungen?

Ich kann mir folgendes vorstellen:

Die Expert*in, die alles schon weiß, kann nicht viel damit anfangen, wenn jemand eine andere Meinung zu ihrem Thema hat. Entweder sie ist im Recht, oder sie hat ein Problem. Denn wenn die andere Person recht hat, dann würde das ja ihren Expert*innenstatus in Frage stellen. Andere Expert*innen sind für sie Konkurrenz.

Die Expert*in, die sich als Lernende sieht, findet andere Meinungen spannend. Sie zeigen ihr neue Seiten an ihrem Thema. Sie geht gerne in den Austausch und setzt sich intensiv mit anderen Perspektiven auseinander. Sie sucht die Kooperation mit ihren Gesprächspartner*innen, egal ob es Expert*innen sind oder nicht.

Mag sein, dass ich die beiden jetzt etwas schwarz-weiß dargestellt habe. Es sind Extreme, da ist natürlich eine Menge Spielraum dazwischen. Dennoch finde ich den Vergleich hilfreich, denn Du kannst Dich entscheiden, an welchem Expert*innen-Ideal Du Dich orientierst.

Welchen Anspruch hast Du?

Die Wissende hat den Anspruch, auf alles vorbereitet zu sein. Sie bekommt Stress, wenn ihr Expert*innenstatus in Frage gestellt wird, egal ob es eine unerwartete Frage ist, eine Kritik oder eine fachlich abweichende Meinung. Denn all das bedeutet für sie, dass sie ihren Ansprüchen nicht gerecht wird.

Die Forschende hat den Anspruch, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wenn sie durch eine Frage oder Kritik auf etwas hingewiesen wird, was sie noch nicht bedacht hatte, ist das eine Chance, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Bingo! Kein Grund mehr, sich vor unerwarteten Fragen zu fürchten.

Dein Selbstverständnis als Expert*in hat also großen Einfluss darauf, was eine unerwartete Frage oder Kritik für Dich bedeutet. Hättest Du das gedacht?

Wenn Du Dir die beiden Haltungen auf einer Skala vorstellst, wo würdest Du Dich aktuell verorten? Und wo möchtest Du gerne hin?

Übrigens kann es auch je nach Situation ganz unterschiedlich sein, was eine Frage oder Kritik in Dir auslöst. So könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, dass es Dir Deinen Freund*innen gegenüber leichter fällt, mit einer unerwarteten Frage umzugehen, als vor Kolleg*innen oder dem Chef.

Für mich habe ich außerdem festgestellt, dass ich es besonders schwer finde, wenn meine Gesprächspartner*innen aus einem ganz anderen Fachbereich kommen. Sie können dann nämlich gar nicht einschätzen, ob es sich um eine einfache oder schwere Frage handelt. Deshalb mache ich mir auch bei einer wirklich schwierigen Frage Sorgen, dass sie meinen Expert*innenstatus anzweifeln. Du siehst: Ich bin auch noch auf dem Weg, eine Lernende und Forschende zu werden.

Ok, Paula, aber wie reagiere ich denn jetzt, wenn ich eine Frage nicht beantworten kann?

Bisher haben wir uns vor allem mit Deinem Mindset als Expert*in beschäftigt. Jetzt möchte ich Dir noch ein paar ganz konkrete Tipps mitgeben, was Du in so einem Fall sagen kannst.

Als allererstes kannst Du Deine Wertschätzung für die Frage ausdrücken. Das ist ein Forscher*innen-Move!

So könnte das zum Beispiel aussehen:

  • Oh, das ist eine spannende Frage!
  • Wow, das ist mal eine gute Frage. Die wurde mir bisher noch nie gestellt.
  • Eine sehr gute Frage!

Auf diese Weise zeigst Du Deinen Gesprächspartner*innen (und Dir selbst), dass ihre Beiträge wertvoll sind und dass Du an einem echten, offenen Austausch interessiert bist. Du gehst von der Konkurrenz in die Kooperation.

Praktischer Nebeneffekt: Du gewinnst Zeit und überwindest den Schreckmoment!

Gemeinsam weiterfragen

Als nächstes kannst Du teilen, auf welchem Stand Du bezüglich dieser Frage gerade bist. Ich rate hier zur Offenheit, allerdings kenne ich Deine Situation nicht. Evtl. muss Du abwägen, wie offen Du sein möchtest.

Hier sind einige Möglichkeiten:

  • Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Leider habe ich bisher noch keine Lösung gefunden.
  • Ich habe mich noch nicht mit diesem Aspekt beschäftigt. Spontan kommen mir folgende Möglichkeiten in den Sinn…
  • Diese Frage gehört nicht zu meinem Kerngebiet. Das ist eine Frage für… (z.B. eine Psycholog*in, ich bin aber Kommunikationspädagog*in)
  • Damit habe ich noch keine Erfahrungen gemacht. Hat jemand von Ihnen eine Idee?
  • Eine spannende Frage, das interessiert mich auch brennend. Ich nehme die Frage mit, wenn Sie möchten, informiere ich Sie, wenn ich mehr dazu sagen kann.

Du merkst schon, hier stecken noch weitere Forscher*innen-Moves drin. Sie alle bewirken, dass ihr euch nicht als Gegner*innen, sondern als gemeinsam Forschende und Fragende gegenübersteht. Ihr seid auf Augenhöhe, und trotzdem bist Du die Expert*in.

Kannst Du Dir vorstellen, auf diese Weise mit einer unerwarteten Frage umzugehen? Glaub mir, schon allein dadurch, dass Du ruhig bleibst und Dich von der Frage nicht angegriffen fühlst, wirst Du Deinen Expert*innenstatus untermauern.

Ich freue mich, wenn mein Artikel Dich anregen konnte, Dich mit Deiner Rolle und Deinem Anspruch als Expert*in auseinanderzusetzen. Vielleicht hast Du ja sogar Lust, die Forscher*innen-Moves mal auszuprobieren!

Falls Du noch Fragen, Ideen oder weiterführende Gedanken hast, lass mir sehr gerne einen Kommentar da, oder schreibe mir. Lass uns gemeinsam forschen!

Deine Paula

2 Kommentare

  1. Mim | still & sensibel

    Wow, dieser Artikel ist genau das, was ich gerade gebraucht habe. Ich glaube, wir haben ja schon während unseres Coachings kurz darüber gesprochen, aber das noch mal ausführlich nachzulesen, hat mir gerade sehr gutgetan.

    Ich bin wirklich stolz auf dich, dass du deine Idee mit dem Blog umgesetzt hast. Du kannst so vielen Menschen damit helfen. 🙂

    Alles Liebe,
    Mim

    Antworten
    • Paula

      Oooh, das freut mich so, Mim! Wie schön, dass ich Dir mit dem Artikel helfen konnte. Unser Gespräch beim Coaching hat mich tatsächlich dazu inspiriert. Also vielen Dank, auch für Dein liebes Feedback!
      Ganz liebe Grüße
      Paula

      Antworten

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