Nein. Einfach nein. – Warum das Nein sagen so schwierig ist und wie Du es trotzdem schaffst

von | Mai 14, 2022 | Herz und Zunge, Selbstbewusstsein | 0 Kommentare

Dieser Artikel ist in Anlehnung an die sechste Folge des Herz & Zunge Podcasts entstanden, den ich gemeinsam mit Lena Bodenstedt hoste.

Stell Dir vor, Deine Kollegin fragt, ob Du ihr die Präsentation des Abschlussberichts abnehmen kannst. Du kriegst etwas Bauchschmerzen bei dem Gedanken. Schließlich hast Du selber noch eine ellenlange To-Do-Liste vor Dir, mal ganz abgesehen von dem Stress, den es bedeutet, sich so kurzfristig auf eine Präsentation einzustellen.

Wenn Du Ja sagst, würde das ziemlich sicher bedeuten, dass Du Arbeit mit nach Hause nimmst. Dabei hast Du Dich so auf einen entspannten Feierabend gefreut.

Eigentlich passt es Dir also nicht. Andererseits fühlst Du Dich verpflichtet. Du möchtest ein gutes Verhältnis zu Deiner Kollegin haben. Dir ist es wichtig, dass man sich gegenseitig unterstützt, und wenn Du mal Hilfe brauchst, willst Du ja auch, dass sie da ist. Außerdem fühlst Du Dich ein klein bisschen geschmeichelt, dass sie Dich in dieser Sache um Hilfe bittet. Das könnte eine Gelegenheit sein, Deine Kompetenz unter Beweis zu stellen.

Ganz schön schwierig! Kommt Dir etwas davon bekannt vor?

Die Entscheidung liegt bei Dir

Was machst Du jetzt? Die Entscheidung selbst kann ich Dir nicht abnehmen, aber ich möchte Dir ein paar Hilfestellungen mitgeben. Und wenn Du Dich entschieden hast, Nein zu sagen, zeige ich Dir, wie Du es schaffst.

Darum geht es in dieser Folge des Herz & Zunge Podcasts:

Herz & Zunge #006 – Nein. Einfach Nein.

Zugegeben: Entscheidungen können anstrengend sein. Aber sie sind auch eine wunderbare Sache, denn wenn Du entscheiden und zu Deinen Entscheidungen stehen kannst, bist Du frei!

Aber wie wird meine Kollegin das auffassen, wenn ich Nein sage?

Trotzdem fällt es uns oft ganz schön schwer, Nein zu sagen, auch wenn wir wissen, dass wir es wollen. Das kann verschiedene Gründe haben. Einer davon: Du hast Angst, dass es die Beziehung zu Deiner Kollegin belastet. Dass sie sauer ist, das Nein auf sich bezieht oder dass Du ihre Erwartungen enttäuschst.

Dazu möchte ich zwei Sachen sagen, die im ersten Moment vielleicht etwas widersprüchlich klingen. Aber keine Sorge. Sie lassen sich gut miteinander vereinbaren.

Erster Grundsatz: Wenn Du Nein sagst, kann es sein, dass deine Gesprächspartnerin enttäuscht ist

Das ist ok. Du darfst für Dich entscheiden. Wie andere darauf reagieren, hast Du nicht zu 100% in der Hand, und manche Menschen können ein Nein einfach nicht gut vertragen. Doch manchmal ist es notwendig, das auszuhalten, damit Du Dich nach Deinen Werten und Bedürfnissen ausrichten kannst.

Übrigens: Menschen, denen Nähe und Harmonie wichtig sind, fällt es besonders schwer, Nein zu sagen. Sie befürchten, dass ihr Nein persönlich genommen wird und stellen sich zum Beispiel vor, wie die andere Person wütend wird und es zu einem Konflikt kommt. Trauen sie sich, das Nein auszusprechen, sind die Folgen oft gar nicht so schlimm. Dann sind sie überrascht, dass ihre Kolleg*innen, Freund*innen oder Chef*innen ganz verständnisvoll reagieren.

Zweiter Grundsatz: Du kannst etwas tun, um es ihr leichter zu machen.

Auch wenn Du die Reaktion Deiner Kollegin nicht kontrollieren kannst – 50% liegen schon in Deiner Hand, und Du kannst einiges tun, um es ihr leicht zu machen. Es ist nämlich durchaus möglich, Nein zu sagen UND zu zeigen, dass Dir die Beziehung zu der anderen Person am Herzen liegt.

Lass mich das kurz erklären:

Im Alltag bezieht sich das Nein, das Du vielleicht aussprechen willst, in der Regel auf die Sache. Deine Kolleg*in möchte zum Beispiel, dass Du morgen früh den Abschlussbericht präsentierst. Das möchtest Du nicht. Dazu möchtest Du Nein sagen. Aber Du respektierst und schätzt Deine Kolleg*in und möchtest sie nicht verletzen.

Richtig?

Dann kannst Du genau das zum Ausdruck bringen, indem Du Dein Nein mit einer positiven Botschaft auf der Beziehungsebene kombinierst. Zum Beispiel so:

Ich fühle mich geehrt, dass Du mir das anbietest. (Positive Beziehungsbotschaft)
Leider schaffe ich es nicht, weil ich bis morgen noch etwas anderes fertig machen muss. (Absage + Begründung)

Oder so:

Ich weiß, dass Du im Moment super viel zu tun hast und möchte Dich gerne unterstützen. (Positive Beziehungsbotschaft)
Gleichzeitig stresst es mich immer sehr, wenn ich einen Vortrag halten muss. Ich brauche Zeit, um mich darauf vorzubereiten. So spontan möchte ich das nicht machen. (Absage + Begründung)

Ja, auch das ist ok und darf gesagt werden. Und wenn Du Dein Nein so formulierst, ist es das für die Kolleg*in leichter anzunehmen. Sie weiß, dass Du sie auch weiterhin magst und respektierst. Besonders wenn sie auch ein Nähe-Mensch ist, macht das einen großen Unterschied.

Warum kannst Du schwer Nein sagen?

Es gibt übrigens noch mehr Gründe, warum man schwer Nein sagen kann. Zum Beispiel haben viele Menschen Angst, etwas zu verpassen, wenn sie nicht überall dabei sind. Oder sie fühlen sich verantwortlich und glauben, dass es sonst eh keiner macht. Diesen Gedankengang kenne ich (leider) auch ganz gut.

Kennst Du dieses mulmige Gefühl, wenn Du fast automatisch Ja sagen willst, weil Du glaubst, dass es von Dir erwartet wird? Du spürst eine starke Verpflichtung. Die Frage, ob Du Ja sagen willst, tritt dabei in den Hintergrund. „Ist doch klar,“ oder „da habe ich keine Wahl,“ denkst Du vielleicht. Das mulmige Gefühl ist aber trotzdem da…

Das innere Nein spüren

Dieses Bauchgefühl ist etwas Wunderbares. Ein Wegweiser, eine intuitive Richtung, die wir im ersten Moment oft gar nicht begründen können. Aber wenn Du ihm Raum gibst, kann es Dir vieles offenbaren.

„Ja,“ denkst Du Dir vielleicht, „und wie komme ich in Kontakt mit meinem inneren Nein- oder Ja-Gefühl?“

Nimm Dir am allerbesten etwas Zeit. Zieh Dich zurück, um Dich in Ruhe damit beschäftigen. Der folgende Satz kann dabei wahre Wunder wirken:

„Ich denke darüber nach und melde mich bei Dir.“

Oder auch:

„Ich möchte gerne darüber nachdenken. Bis wann brauchst Du meine Entscheidung?“

Und dann denkst Du an die Sache, die Dir da vorgeschlagen wird. Was regt sich in Dir? Welche Gedanken kommen? Fühlt es sich wohlig warm und kribbelig an? Dann ist es wahrscheinlich ein Ja-Gefühl. Fühlt es sich schwer an? Hast Du jetzt schon keine Lust darauf? Bist Du vielleicht sogar sauer, oder windest Du Dich innerlich wie ein Aal? Dann spricht das sehr für ein Nein-Gefühl.

Oder ist da ein bisschen von beidem?

Als nächstes kannst Du Dir folgende Frage stellen:

Wenn ich dem Vorschlag zustimme, wozu sage ich Ja? Und wozu sage ich Nein?

Diese Frage zeigt Dir, welche Auswirkungen die Entscheidung auf Dein Leben hat. Später kann sie Dir helfen, Dein Ja oder Nein zu begründen.

In jedem Nein steckt auch ein Ja

Das war für mich eine ganz spannende Erkenntnis. Sie steckt im Grunde schon in der Frage oben drin. Denn wenn Du Ja zu einem Vorschlag, einem neuen Projekt oder Job sagst, dann sagst Du immer auch gleichzeitig Nein zu anderen Dingen. Und umgekehrt. Ein Beispiel:

Wenn Du die neue Stelle in einer anderen Stadt annimmst, verdienst Du vielleicht mehr Geld, kannst Dich weiterentwickeln und hast tolle Aufstiegschancen. Du musst aber auch Dein gewohntes Umfeld verlassen, wirst Deine Freund*innen seltener sehen, und musst vielleicht sogar pendeln, um bei Deiner Familie zu sein.

Hm. Jetzt kannst Du abwägen. Willst Du das? Ist es Dir das wert? Diese innere Klarheit ist das Allerwichtigste. Wenn Du Deine Entscheidung getroffen hast und zu 100% dahinter stehst, dann wird das Aussprechen eines Nein viel viel leichter.

Nein sagen ist nicht egoistisch

Damit sind wir wieder bei der Freiheit. Aber das ist gar nicht so selbstverständlich. Mit der Schwierigkeit, Nein zu sagen, ist nämlich ganz oft die Frage verbunden:

Darf ich das denn?

Ja, Du darfst. Du brauchst keine Erlaubnis. Von niemandem, nur von Dir selbst. Das ist übrigens keineswegs egoistisch. Im Gegenteil: ich möchte Dich dazu ermutigen, nach Deinen Werten und Bedürfnissen zu entscheiden.

Lass uns nochmal auf das Beispiel von vorhin schauen: Deine Kolleg*in fragt, ob Du ihr die Präsentation des Abschlussberichts abnehmen kannst. Wenn einer Deiner wichtigsten Werte Kooperation, Kollegialität oder Hilfsbereitschaft ist, dann könnte das ein guter Grund sein, um Ja zu sagen. Wenn Du sogar Spaß an der Aufgabe hättest, und Dich dazu in der Lage fühlst, erst recht.

Aber wenn es eine Belastung für Dich wäre, dann darfst Du auch Nein sagen, denn es ist vollkommen in Ordnung, Dich um Deine eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Wirklich. Du darfst Dir diesen Raum nehmen. Auch wenn Dir die Zusammenarbeit mit Deinen Kolleg*innen wichtig ist, auch wenn Du verlässlich sein und sie nicht enttäuschen möchtest. Auch wenn sie vielleicht etwas anderes erwarten.

Wenn es Dir gut geht, dann kannst Du auch wieder mit vollem Elan und Freude in die Zusammenarbeit gehen. Davon haben alle etwas. Und: Die anderen wissen, woran sie sind und können Dich zukünftig besser einschätzen. Sie lernen Dich besser kennen. Vielleicht bewundern sie Dich sogar, weil Du Nein sagen und zu Dir stehen kannst!

Wäre das nicht cool?

Wie geht es Dir mit dem Nein sagen? Fällt es Dir schwer? Weißt Du schon, warum das so ist? Ich freue mich sehr, wenn Du mir einen Kommentar da lässt.

Vielleicht hilft Dir ja einer meiner Gedanken, in Deinem Alltag leichter (oder öfter?) Nein zu sagen.

Ich freue mich, von Dir zu hören!
Deine Paula

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